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Geistreiche Frauen und ihre Männer


In Ihrem Buch
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Fabelhafte Rebellen« erzählt uns Andrea Wulf lebendig von den zwischenmenschlichen Konstellationen der Frühromantik und den Folgen

Von Wolfgang Bock
 

Die deutsche Frühromantik und ihre Sonnenuhr Caroline Schlegel
Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Andrea Wulf, die seit langem in England lebt, verfasst eine lebendige Geschichte der literarischen und philosophischen Frühromantiker zwischen den Orten Weimar und Jena. Auf über 500 kleingedruckten Seiten beleuchtet sie die Zeitspanne zwischen dem ersten Zusammentreffen von Goethe und Schiller im Sommer 1794 in Jena und der Schlacht von Jena und Auerstedt im Oktober 1806, in der die französischen Truppen die Preußen vernichtend schlagen. In einem Viertakt der Teile Ankunft, Experimente, Verbindungen und Zersplitterung stellt sie in zwanzig kurzen und gut lesbaren Kapiteln den Aufstieg und Fall des Kreises um August Wilhelm und Karl Wilhelm Friedrich Schlegel, Johann Gottlieb Fichte oder Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, dar. Im Mittelpunkt der Darstellung aber steht Caroline Schlegel-Schelling, die kluge und schöne Schriftstellerin, Übersetzerin und Anhängerin der Französischen Revolution. Sie verdreht ihren Männern den Kopf und hält doch den Kreis durch ihre Arbeit und ihre Seele zusammen. Dorothea Caroline Michaelis wird 1763 in Göttingen als Tochter eines Professors geboren. Sie gilt früh bereits als Freigeist und Schwarm der Göttinger Studenten. Sie vermählt sich, aber verwitwet früh. Aus einer Notlage heraus heiratet sie 1796 August Wilhelm Schlegel. Beide arbeiten gut zusammen und verfassen unzählige Aufsätze, Gedichte und Kritiken. Darunter befinden sich die Übersetzungen von Shakespeares Werken. Diese machen den Engländer zu einem deutschen Autor der Romantik. Aber es war keine Liebesehe. 1803 verbindet Caroline sich in dritter Verheiratung glücklicher mit dem Philosophen Friedrich Schelling. Sie stirbt 1808. Die Zeitspanne von Carolines aktiven Lebens wird für Andrea Wulf die Sonnenuhr, nach der sie ihre Darstellung und Beurteilung der frühromantischen Bewegung ausrichtet.

Liebe und Arbeit
Andrea Wulf schreibt keine intellektuelle Biografie. Obwohl sie durch die philosophische und die literarische Produktion der einzelnen Protagonisten darstellt, legt sie zugleich einen Schwerpunkt auf das Liebesleben der Akteurinnen und Akteure. Es sind die verschiedenen Quellen der Libido und der Intelligenz, die hier wie in einer Ellipse aufeinander bezogen sind. Der österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der auch von der romantischen Physik beeinflusst war, wählt zu diesem Zusammenhang sein Motto, das auch hier zutrifft: „Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollen es auch regieren.“

Symphilosophieren. Namen und Verbindungen
Das Zeitalter Carolines steht noch unter den patriarchalen Verhältnissen, denen auch die privaten Beziehungen unterworfen sind. So wie die Medizin des 18. Jahrhundert noch sehr bescheiden ist, so sind es auch die Geschlechterverhältnisse. Die intellektuell tätigen Frauen dürfen offiziell nur unter dem Namen ihrer Ehemänner Texte veröffentlichen. Geschickt verbindet Andrea Wulf die offizielle und inoffizielle Geschichte der Gruppe um Caroline. Sie greift dafür auch auf die Briefe und Tagebücher der Beteiligten zurück. So entsteht eine lebendige Darstellung der Theorien, aber auch der einzelnen Liebesgeschichten und Intrigen, Eifersüchteleien und Affären. Die Darstellung bekommt dadurch auch Züge einer Sittengeschichte. Was haben diese Leute gedacht, während sie sich geliebt und gestritten haben? So lautet das geheime Motto des Buches. Das ist lebendig zu lesen, aber wenn man die 500 Seiten in einem Rutsch durchliest, so kann die Darstellung von einem Bäumchen-Wechsel-Dich nach dem anderen auch ermüdend wirken. Zuweilen drängt sich hier also der Eindruck eines Überhangs des Inzests vor der Poesie auf. Das ist aber in Kauf zu nehmen. Ohnehin ist es bereits ein Kunststück, die einzelnen Figuren voneinander abzugrenzen. Fast jeder der Männer hat mindestens in seinem zweiten Namen einen Friedrich, einen Wilhelm, Carl oder August. Die Frauen heißen alle irgendwie Caroline, Dorothea, Sophie oder Auguste. Wenn von ihren Zusammenkünften und ihrer berühmten Symphilosophie die Rede ist, dann reihen sich die Namen oft schlangenartig aneinander. Es bedarf eines nicht unerheblichen Geschicks, um hier den Gedanken der Einzelnen zu ihrem Recht kommen zu lassen. Zumal das Programm und der Gegenstand der romantischen Philosophie Fichtes im Übergang vom unbewussten Nicht-Ich zum bewussten Ich sich vollziehen soll. Bereits die Einförmigkeit der Namen wirkt hier auch in die andere Richtung. Der Leser bekommt zugleich den gegenstrebigen Eindruck eines nivellierten Kollektivs. So rückt in der Summe das Gemeinsame der Darstellung in den Vordergrund, obwohl die einzelnen Konstellationen und Ereignisse durchaus detailgetreu und in der Sache richtig dargestellt werden. Auch wenn Andrea Wulf den Begriff Konstellationsforschung nicht verwendet, so bildet diese doch den Horizont auch ihrer Erzählung. Die zweite Figur, um die diese neben Caroline kreist, ist die Allegorie der Stadt Jena.1

Goethe, Schiller, Humboldt, Schlegel, Fichte, Novalis – und immer Caroline!
Und so berichtet Frau Wulf vom produktiven Zusammentreffen Goethes und Schillers in Jena, der Gründung der Zeitschrift Die Horen, für die Schiller offiziell August Wilhelm Schlegel engagiert, hinter dem Caroline die treibende Kraft ist. Die Berliner Wilhelm und Alexander von Humboldt stehen mit Goethe in enger Verbindung. August Wilhelm Schlegels Bruder Friedrich und sein Freund Novalis schließen sich dem Kreis an. Friedrich kritisierte von Beginn an Schiller und seine Zeitschriften und tritt in eine Opposition zu diesem, während Goethe von Weimar aus zwischen den einzelnen Streithähnen zu vermitteln versuchte. Zunächst in der intellektuellen Nachfolge Kants werden Johann Gottlieb Fichte und seine Ich-Philosophie maßgeblich für Jena, bis er nach 1806 in Berlin den deutschen Nationalismus unterstützt. Von seinem Antisemitismus ist in dem Buch nicht die Rede. Der Schwerpunkt liegt auf dem Feld der Literatur- und der Sittengeschichte. Novalis und seine Hymne an die Nacht und die späteren Romanfragmente wie Heinrich von Ofterdingen, besonders aber seine Blütenstaubfragmente bilden eine neue Form. Auf diese Weise entstehen die Konzepte des Fragments und des neuen Romans, der Universalpoesie oder des Reflexionsmediums. Friedrich Schlegel gilt als der Exzentriker des Kreises. Er steht neben Caroline als treibende Kraft hinter der Zeitschrift Athenaeums, von der zwischen 1798 und 1800 insgesamt sechs Hefte erschienen. Diese Gruppe bildete den inneren Zirkel der Bewegung. Dazu gesellen sich die Humboldt-Brüder ebenso wie der Schriftsteller Ludwig Tieck und seine Frau Amalie, der Physiker Johann Wilhelm Ritter sowie die Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Von Hegel und von Hölderlin ist in dem Buch allerdings weniger die Rede. Hier geht es vielmehr in Affären und gegenseitigen Liebschaften Eifersüchteleien hin und her. Als Hegel 1807 nach Bamberg abreist, lässt er seine Geliebte und seinen unehelichen Sohn in Jena zurück.2 Das ist die Perspektive des Lebens aus Sicht der Frauen. Es ist ein großes Verdienst Andrea Wulfs, darauf den Finger zu legen. Auch der Ruf von Paris als Stadt der Liebe kommt dadurch zustande, dass die Männer ihre Frauen verlassen und diese sich prostituierten, um sich und ihre Kinder ernähren zu können.

Auf und Ab
Bei der Darstellung lässt sich ein Spannungsbogen erkennen, wie man ihn idealtypisch Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften von 1809 wiederfindet, der sicherlich von diesen wahren Begebenheiten angeregt wurde. Die verschiedenen Paare, die durch die Gegenwart anderer attraktiver Personen anderer Personen auflösen und neu zusammenfügen, sind in der Anfangsphase bis etwa 1799 euphorisch und manisch. In diesem Jahr ziehen Friedrich Schlegel und seine noch verheiratete Geliebten Dorothea Veit nach Jena. Im Herbst kommt es noch einmal zu einem letzten Höhepunkt der Bewegung, bevor dann im Winter der Niedergang einsetzt, die Skandale überhandnehmen und die depressiven Seiten vorherrschend werden. Caroline erkrankt im März 1800 und fährt mit ihrer Tochter Auguste und ihrem Liebhaber Schelling zu Kur. Dabei infiziert sich Auguste an der Ruhr und stirbt am 12. Juli. Caroline braucht Jahre, bis sie sich davon erholt. In der Folge trennt sie sich von ihrem Mann August Wilhelm Schlegel und heiratet Schelling. Auch die äußeren Beziehungen in Jena ändern sich. Fichte war zuvor wegen atheistischer Äußerungen aus der Universität entlassen worden und nach Berlin umgesiedelt. Schiller, der mit den Schlegels weiterhin auf Kriegsfuß steht, zieht nach Weimar. Dort hat er als Dramendichter noch eine produktive Phase, bevor er 1805 an Erschöpfung stirbt. Als dann noch Napoleon und der Krieg die beiden Städte heimsuchen, bricht der Kreis vollends auseinander.

Ein vielfältiges Nachleben
In einem Epilog befasst sich die Autorin mit dem internationalen Nachleben der deutschen Frühromantik. Das ist bedeutend, da bei der Beurteilung der Romantik zwei Gesichtspunkte eine wichtige Rolle spielen: Zunächst wird sie mit einem Überhang von Gefühlen und Liebesdingen in Verbindung gebracht, die erst für die Autorinnen und Autoren der späten Phase charakteristisch ist. Die Frühromantik ist dagegen sehr viel politischer und philosophischer ausgerichtet. Darüber hinaus wird diese Epoche oft nur aus nationaler Perspektive wahrgenommen.3 Hier kommt der Autorin zugute, dass sie einen internationalen Hintergrund besitzt. In Indien geboren, beginnt sie ein Studium in Deutschland, bevor sie nach London zieht, dort weiter studiert und ihre Berufung als Verfasserin und lebendigen Wissenschaftsbiografien findet.4 So ist sie auch in diesem Buch in der Lage, unterschiedliche Blickrichtungen zusammenzubringen. Sie erklärt dem englischen Publikum die deutsche Entwicklung und sie streut in den Text immer wieder Querverweise ein, die die Rezeption der Romantik in Großbritannien, aber auch in den USA und in Frankreich betreffen. So erfährt man über den nationalen Tellerrand hinaus etwa, wie August Wilhelm Schlegel die französische Schriftstellerin Germaine de Staël bei der Abfassung ihres berühmten Buches Über Deutschland von 1813 berät und unterstützt. Deutlich wird auch der Einfluss der Jenaer Experimente auf William Wordsworth, Samuel Taylor Coleridge, Lord Byron, Mary Shelley, Percy Bysshe Shelley in England. Entsprechende Ableger entstehen von Skandinavien bis Portugal überall in Europa. Die britischen Autoren beeinflussen wiederum die amerikanischen Transzendentalisten, die in den 1830er und 1840er Jahren in der Kleinstadt Concorde in Massachusetts zusammenfinden. Zu diesen zählen Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson oder auch Walt Whitman. Hier gibt es eine Wirkung auf die amerikanische Literatur, die später durch die deutschen Gestaltpsychologen oder Hermann Hesses Steppenwolf bis hin zur Beatnik- und Hippiebewegung reicht.

Schweine mit Flügeln und WG-Probleme1799
A apropos Hippies: Viele der Schilderungen der Wohngemeinschaft und Gruppen und Grüppchen in Jena erinnern nicht ohne Grund an spätere Experimente wie Kommunen oder Wohngemeinschaften. Das Besondere bei dem Jenaer Kreis ist aber die Zentrierung nicht etwa um einen Landbau oder um politische Ziele allein, sondern um die intellektuelle Arbeit des Dichtens, des Schreibens und des Kritisierens. Die offene Wertschätzung der Poesie und des Denkens ist bei ihren technokratischeren und oft theoriefeindlich eingestellten Nachfolgern in den nächsten 200 Jahren nicht immer gegeben. Insofern handelt es sich bei der intellektuellen und emotionalen Konstellation, die wiederum die Autorin zu diesem Thema gebracht hat, um einen Glücksfall. Ihr gelingt eine Balance zwischen einem Bericht von der Bettkante und der Darstellung des philosophischen Fragments. Das Resultat zeigt die Protagonisten als moderne Menschen.

Das Leben schreiben. Romantik zwischen Weimar und Jena
Diese Voraussetzungen, vor allem aber die feministische Perspektive mit Caroline Schlegel und einem produktiven Verhältnis zur Poesie, macht die Lektüre von Andrea Wulfs Kulturgeschichte der Romantiker zu einem großen Vergnügen. Auch wenn der Kritiker als ehemaliger Weimarer sich an manchen Stellen eine stärkere Wahrnehmung der anderen thüringische Kleinstadt gewünscht hätte. Aber das sind narzisstische Differenzen. Freilich reicht es nicht aus, sich nur über Sekundärliteratur mit den angesprochenen Autorinnen und Autoren zu beschäftigen. Man muss zu ihrem vollen Verständnis auch die Primärtexte lesen. Vor allen Dingen aber muss man sich selbst Gedanken machen. Dazu kann dieses Buch, richtig gebraucht, sehr hilfreich sein.
 

1 Vgl. etwa Dieter Henrich, Konstellationen. Probleme und Debatten am Ursprung der idealistischen Philosophie (1789-1795), Stuttgart: Klett-Cotta 1992 oder Klaus Vieweg, Patrik Lakey, Genius loci – Philosophische An-Sichten großer Denker und Wort und Bild, Darmstadt: Verlag Lambert Schneider 2013.

2 „Und so packte Hegel Ende Februar 1807, vier Monate nach der Schlacht, eigentlich seine Sachen und stieg in eine Postkutsche Richtung Süddeutschland. Er hatte kein Geld, war erschöpft und floh auch vor den Verpflichtungen als Vater, denn wenige Tage zuvor war sein unehelicher Sohn zur Welt gekommen. Die Mutter war Hegels Vermieterin, eine verheiratete Frau, die bereits von ihrem Mann im Stich gelassen worden war. Hegel fühlte sich zwar schuldig, sich jetzt auch zu verlassen, aber nicht schuldig genug, zu bleiben. Es dauerte neun Jahre, bis endlich die Verantwortung für sein Sohn übernahm.“ (S. 385)

3 Eine erfreuliche Ausnahme bildet der brasilianische Literaturwissenschaftler Luis Costa Lima mit seinem Buch Die Kontrolle des Imaginären: Vernunft und Imagination in der Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990. Er erweist sich als internationaler Kenner der Romantik in allen Ländern.

4 Vgl. Andrea Wulf, Die Vermessung des Himmels: Vom größten Wissenschaftsabenteuer des 18. Jahrhunderts, München: Penguin 2017 oder dies., Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München: Penguin 2018.

Artikel online seit 09.02.26
 

Andrea Wulf
Fabelhafte Rebellen
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
C. Bertelsmann
528 Seiten
Mit 30 farbigen Abbildungen und 2 Karten
30,00 €
978-3-570-10395-1

Leseprobe & Infos

 

 


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