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Zur Haltung der Unbeugsamkeit

Mirjam Schaub hat eine überaus lesenswerte Studie über »Radikalität«
seit der Antike verfasst.

Von Jürgen Nielsen-Sikora

 

I Was ist Radikalität?
Radikalität provoziert und polarisiert, weil sie symbolische Ordnungen attackiert. Ihr Wesen aber scheint umstritten und ist deshalb interpretationsbedürftig. Diesem Unterfangen nimmt sich die Philosophin Mirjam Schaub an und erklärt, radikal sei »moralische Verausgabung mit ungewissem Ausgang, eine Provokation für die Mittelmäßigkeit aller übrigen.« Sie plädiert in diesem Verständnis für eine Differenzierung von Radikalität und (fanatischem) Extremismus. Radikal hieße, für eine für wahr gehaltene Idee unter Wahrung der Integrität des anderen zu sterben, extremistisch hingegen ist, wer für eine solche Idee zu töten bereit ist.
Von einer »radikalen Demokratie« sprachen in den 1980er Jahren bereits Ernesto Laclau und Chantal Mouffe und meinten damit eine grundlegende Umformung sozialer Verhältnisse. Heute diskutieren Philosophen über die »radikale Mitte«, Bücher mit Titeln wie »Radikale Freundlichkeit« oder »Radikale Zärtlichkeit« erscheinen.
Doch was hat es mit dem Begriff eigentlich auf sich? Mirjam Schaub gräbt tiefer und stellt klar: Wer radikal ist, setzt bei sich selbst an und tritt für eine ethische Rechtfertigung seines Handelns ein. Dies bedeute, nicht blind gegenüber den Grenzen des anderen zu sein, sondern vielmehr die inneren Grenzen, die Grenzen des eigenen Leibs, zu verschieben.

Radikalität unterscheide sich insofern von Willkür, von Disruption und Grausamkeit, sie sei »Hingabe an etwas Unbedingtes.« Sie etabliere und wahre dadurch eine Vorbildfunktion. Vorbild aber kann nur sein, wer Charakterstärke und Persönlichkeit besitzt, sprich: wer bestimmte Werte im wahrsten Sinne des Wortes »verkörpert«. Radikalität ist aus diesem Grund auch etwas anderes als Radikalisierung, da Radikalisierung immer auch einen Akt der Grausamkeit beinhaltet. Radikale unterschieden sich von Extremisten »durch die Selbstbeherrschung, durch eine Form des containments, der selbstauferlegten Zurückhaltung.«
In Anlehnung an Hannah Arendt sei, so Schaub, nur das Gute radikal.
So sehr dieser Verweis auch Zustimmung verdiente – er irritiert zweifellos, denn es war doch Hannah Arendt, die in ihrem Frühwerk und in Anlehnung an Immanuel Kant vom »radikal Bösen« sprach und damit den Holocaust meinte ...

II Worum es konkret geht
Schaub untersucht Radikalität als kulturelles und strukturelles Phänomen zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären. Sie entdeckt hierbei einen gemeinsamen Nenner zwischen Radikalität und Populärkultur im Sinne des unumschränkten, unbedingten Gebrauchs »des eigenen Körpers resp. des eigenen Lebens«, der bis dato unberücksichtigt geblieben ist.
In vielschichtigen Fallstudien begreift sie Radikalität als den Kitt zwischen Theorie und Praxis, wobei letztlich offenbleibt, worin die »Lücke« zwischen beiden eigentlich besteht. Deutlich aber wird: Wer radikal ist, handelt – und zwar unter Vorgabe ethischer Prämissen, die eine Verschiebung von Einstellungen und Perspektiven implizieren.
Im ersten Band dieser überaus erstaunlichen Studie greift Schaub Helmuth Plessners Gedanken aus »Grenzen der Gemeinschaft« (1924) auf und transformiert dessen Idee, dass Gesellschaft dem Menschen den nötigen Raum und Abstand zu anderen biete, damit dieser sich stets neu entwerfen und ausprobieren könne.

Von der Antike über das frühe Christentum, vom Mystiker Heinrich Seuse über Jeremy Bentham hin zu Marina Abramović stehen diese Fallstudien nicht bloß für sich, sondern verweisen stets auch aufeinander. Das macht gewiss den Reiz dieser Studien aus.

Im Zentrum des ersten Bandes steht hierbei die venezianische bautà, die nicht einfach eine Maske des Karnevals war, sondern eine, wie Schaub schreibt, Unheil abwendende Geste, die in Zeiten der Pest »die Gleichheit begrüßt und zurückweist«. Der Gebrauch der bautà ziele »auf soziale Entlastung«. Im Schutz der bautà sei es darum gegangen, »unpersönlich, unangreifbar, ja unsichtbar zu werden, um so den eigenen Lüsten, Begierden und Geschäften ungestraft« nachgehen zu können. Von hier aus spinnt sich der Gedanke weiter zu Guy Fawkes und der Occupy-Bewegung, für die die Masken anarchistische Erkennungszeichen sind.

III Radikalität in der Moderne

Der zweite Band schreibt diese Fallstudien fort, indem er vor allem auf ästhetische Performances der Moderne rekurriert und der Radikalität eine »Haltung der Unbeugsamkeit« attestiert. Philosophisch stehen für diese Unbeugsamkeit bei Schaub namentlich René Descartes und seine Methode des radikalen Zweifels und Max Stirners Schrift »Der Einzige und sein Eigentum«. Allerdings bleibt in diesem Zusammenhang zu fragen, ob nicht gerade diese beiden Denker die Kluft von Theorie und Praxis eher vergrößern, weil sie das Subjektive und Individuelle so radikal denken, dass kaum noch Platz für eine ethische, d.i. eine auf den Anderen bezogene Dimension ihrer Philosophie bleibt.

Ausgangspunkt radikaler Praxis aber bildet im zweiten Teil Jeremy Benthams »Auto-Icon« (1832). Hierbei handelt es sich um ein im Londoner University College zu findendes humanoides Artefakt, sprich: das Skelett Benthams inklusive einer naturgetreuen Wachsnachbildung seines Kopfes samt Kleidung, modelliert nach Benthams eigenen Vorstellungen, eine Art Vermächtnis, in dem Schaub eine radikale Modernität erblickt, nähme es doch »die eigene Dinghaftigkeit an« und bejahe sie »in ihrer Unbedingtheit und äußersten Konsequenz.« Die Parallele, die das Buch nun zu Susan Sontags »Camp« zieht, scheint mir allerdings strittig, da es sich bei »camp« doch um intellektuellen Kitsch handelt, den Bentham wohl kaum im Sinne hatte.

Fragwürdig bleibt schließlich auch die Auseinandersetzung mit den 68ern und ihrem radikalen Umfeld, da hier der eingangs eng gefasste Begriff der Radikalität doch erheblich aufgeweicht wird, wenn er nun mit dem der Radikalisierung in eins gesetzt wird – insbesondere dann, wenn es um Andreas Baader und Gudrun Ensslin geht. Zur Erinnerung: Radikal bedeutet für eine für wahr gehaltene Idee unter Wahrung der Integrität des anderen zu sterben, extremistisch hingegen ist, wer für eine solche Idee zu töten bereit ist. Und nur, wer sich radikalisiert hat, kann extremistisch agieren. Ohne Zweifel erfüllen Baader und Ensslin genau diese Voraussetzung, weshalb ihr Handeln alles andere als radikal ist: Es ist schlichtweg extremistisch und grausam.

Tatsächlich spricht Schaub in diesem Zusammenhang auch von einer Radikalisierung und untergräbt damit ein wenig ihr eigenes Unterfangen.

Der zweite Teil über den »Mut zum Gebrauch des eigenen Lebens« endet in Auseinandersetzung mit Veganismus und »Letzter Generation« und zeigt insgesamt doch sehr deutlich, was es heißt, radikal zu sein: »Radikal ist die Rebellion gegen die Schwerkraft, die Zeit und den gewohnten Gang der Dinge. Ein Affront gegen die Bequemlichkeit, die feigen Ausflüchte, den notorischen Versuch, sich selbst und andere zu belügen. Radikalität verletzt den guten Ton. Sie ist arm, aber sexy. Sie provoziert Befremden und Neid, weil sie gegen die ungeschriebenen Tauschgesetze einer Gemeinschaft verstößt.«

Mirjam Schaub gelingt insoweit mit »Radikalität« selbst etwas Radikales: Eine sehr facettenreiche, historisch profunde Studie, die ein breites kulturelles Spektrum tiefgehend analysiert. Indem sie Radikalität und Populärkultur miteinander ins Gespräch bringt, haucht sie am Ende Friedrich von Schlegels Gedanken neues Leben ein, dass nämlich ein witziger Einfall wie das überraschende Wiedersehen zweier befreundeter Gedanken nach einer langen Trennung ist.

Artikel online seit 10.01.26
 

Mirjam Schaub
Radikalität
(Set Band 1&2)


Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis
Eine unerhörte Kulturphilosophie.
Antiker Aktivismus, frühchristliche Militanz, venezianischer Maskengebrauch
(399 v. Chr. – 1797 n. Chr.)

Radikalität und der Mut zum Gebrauch des eigenen Lebens
Eine unheimliche Populärkultur.
Auto-Ikonifizierung, Spaßguerilla, Sitzperformances, Krypto-Kunst (1832 - heute)

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Verlag für Philosophie

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