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Zur Haltung der Unbeugsamkeit
Mirjam
Schaub hat eine überaus lesenswerte Studie über
»Radikalität«
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I Was ist Radikalität?
Radikalität unterscheide sich insofern von Willkür, von Disruption und
Grausamkeit, sie sei »Hingabe an etwas Unbedingtes.« Sie etabliere und wahre
dadurch eine Vorbildfunktion. Vorbild aber kann nur sein, wer Charakterstärke
und Persönlichkeit besitzt, sprich: wer bestimmte Werte im wahrsten Sinne des
Wortes »verkörpert«. Radikalität ist aus diesem Grund auch etwas anderes als
Radikalisierung, da Radikalisierung immer auch einen Akt der Grausamkeit
beinhaltet. Radikale unterschieden sich von Extremisten »durch die
Selbstbeherrschung, durch eine Form des containments, der
selbstauferlegten Zurückhaltung.«
II Worum es konkret geht Von der Antike über das frühe Christentum, vom Mystiker Heinrich Seuse über Jeremy Bentham hin zu Marina Abramović stehen diese Fallstudien nicht bloß für sich, sondern verweisen stets auch aufeinander. Das macht gewiss den Reiz dieser Studien aus. Im Zentrum des ersten Bandes steht hierbei die venezianische bautà, die nicht einfach eine Maske des Karnevals war, sondern eine, wie Schaub schreibt, Unheil abwendende Geste, die in Zeiten der Pest »die Gleichheit begrüßt und zurückweist«. Der Gebrauch der bautà ziele »auf soziale Entlastung«. Im Schutz der bautà sei es darum gegangen, »unpersönlich, unangreifbar, ja unsichtbar zu werden, um so den eigenen Lüsten, Begierden und Geschäften ungestraft« nachgehen zu können. Von hier aus spinnt sich der Gedanke weiter zu Guy Fawkes und der Occupy-Bewegung, für die die Masken anarchistische Erkennungszeichen sind. III Radikalität in der Moderne Der zweite Band schreibt diese Fallstudien fort, indem er vor allem auf ästhetische Performances der Moderne rekurriert und der Radikalität eine »Haltung der Unbeugsamkeit« attestiert. Philosophisch stehen für diese Unbeugsamkeit bei Schaub namentlich René Descartes und seine Methode des radikalen Zweifels und Max Stirners Schrift »Der Einzige und sein Eigentum«. Allerdings bleibt in diesem Zusammenhang zu fragen, ob nicht gerade diese beiden Denker die Kluft von Theorie und Praxis eher vergrößern, weil sie das Subjektive und Individuelle so radikal denken, dass kaum noch Platz für eine ethische, d.i. eine auf den Anderen bezogene Dimension ihrer Philosophie bleibt. Ausgangspunkt radikaler Praxis aber bildet im zweiten Teil Jeremy Benthams »Auto-Icon« (1832). Hierbei handelt es sich um ein im Londoner University College zu findendes humanoides Artefakt, sprich: das Skelett Benthams inklusive einer naturgetreuen Wachsnachbildung seines Kopfes samt Kleidung, modelliert nach Benthams eigenen Vorstellungen, eine Art Vermächtnis, in dem Schaub eine radikale Modernität erblickt, nähme es doch »die eigene Dinghaftigkeit an« und bejahe sie »in ihrer Unbedingtheit und äußersten Konsequenz.« Die Parallele, die das Buch nun zu Susan Sontags »Camp« zieht, scheint mir allerdings strittig, da es sich bei »camp« doch um intellektuellen Kitsch handelt, den Bentham wohl kaum im Sinne hatte. Fragwürdig bleibt schließlich auch die Auseinandersetzung mit den 68ern und ihrem radikalen Umfeld, da hier der eingangs eng gefasste Begriff der Radikalität doch erheblich aufgeweicht wird, wenn er nun mit dem der Radikalisierung in eins gesetzt wird – insbesondere dann, wenn es um Andreas Baader und Gudrun Ensslin geht. Zur Erinnerung: Radikal bedeutet für eine für wahr gehaltene Idee unter Wahrung der Integrität des anderen zu sterben, extremistisch hingegen ist, wer für eine solche Idee zu töten bereit ist. Und nur, wer sich radikalisiert hat, kann extremistisch agieren. Ohne Zweifel erfüllen Baader und Ensslin genau diese Voraussetzung, weshalb ihr Handeln alles andere als radikal ist: Es ist schlichtweg extremistisch und grausam.
Tatsächlich spricht Schaub in diesem Zusammenhang auch von einer Radikalisierung
und untergräbt damit ein wenig ihr eigenes Unterfangen.
Mirjam Schaub gelingt insoweit mit »Radikalität« selbst etwas Radikales: Eine
sehr facettenreiche, historisch profunde Studie, die ein breites kulturelles
Spektrum tiefgehend analysiert. Indem sie Radikalität und Populärkultur
miteinander ins Gespräch bringt, haucht sie am Ende Friedrich von Schlegels
Gedanken neues Leben ein, dass nämlich ein witziger Einfall wie das
überraschende Wiedersehen zweier befreundeter Gedanken nach einer langen
Trennung ist.
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Mirjam Schaub |
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