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Klang und Opfer

Christoph Türckes Rundgang durch die Musikgeschichte
»Philosophie der Musik«

Von Wolfgang Bock
 

Eine Oper über die Oper
Der Kulturkritiker Christoph Türcke zappt sich in seinem neuen Buch auf allen Kanälen durch die Musik. Dabei gibt er seinem 500 Seiten starken Werk auch äußerlich die Form einer Oper. Er beginnt seine Überlegungen mit einer kritischen Ouvertüre über Vogel- und Urwaldmusik und befasst sich im ersten Akt mit Theorien über singende und tanzende Neandertaler. Im zweiten Akt geht es um frühe Musikinstrumente wie Knochenflöten, die dann in den weiteren Aufführungspraxen der frühen Menschen durch Saiteninstrumente abgelöst werden. Der dritte Akt dreht sich mit kenntnisreichen Verweisen auf Homer, Platon und Aristoteles um die Herausdifferenzierung von Musik und Sprache in der griechischen Tragödie. Das vierte Hauptstück ist der christlichen Musik und ihren Formen gewidmet, während der fünfte Abschnitt sich um eine Theorie der Oper und der symphonischen Musik sowie ihren Reformen in der Neuen Musik, bei Brecht und im Jazz bekümmert. Als Zugabe im Ausklang der Codetta gibt es Überlegungen zur technischen musikalischen Reproduktion, die die vorherigen Argumente nochmals programmatisch zusammenfassen. Locker eingestreut in diesen Gang durch die Musikgeschichte finden sich neun Intermezzi, gleichsam selbst als Umbau- und Atemholpausen des großen Werkes für die Leserinnen und Leser. In ihnen werden übergreifende Fragen quer zur Chronologie behandelt: Wagner und die Erotik, Adornos Unterscheidung zwischen Musik und Sprache, die Reform atonaler Musik im Jahre 1910 oder Überlegungen zu Jazz und Rap etwa – um nur einiges aus dem übergroßen Spektrum zu nennen.

Eine Tuba in Flammen und ein Urzeit-Imaginär
Gegliedert werden diese Zusammenhänge durch zwei Linien. Die eine wird von Türckes Haltung zu Kultur gebildet, die er auch in seinen anderen Büchern über die Schrift, das Geld oder den Traum auf eine ambivalente Veranstaltung zurückführt. So wie es für Walter Benjamin kein Zeugnis der Kultur gibt, das nicht zugleich auch eines der Barbarei ist, so sieht Türcke im Rückgang auf Nietzsche und Freud alle heutigen Veranstaltungen der Kultur aus einem sublimierten Menschen- und Tieropfer hervorgehen. Im Feld der Musik ist der harmonische Wohlklang auf diese Weise sinnfällig auf einen disharmonischen Opferschrei aufgespannt, den dieser sowohl verstärkt als auch zu übertönen versucht. Er kehrt als „Wiederkehr des Verdrängten“ (Sigmund Freud) zurück. Für diese Zusammenhänge spricht René Magrittes Bild einer brennenden Tuba, das sich auf dem Umschlag befindet.

Über diese frühen Veranstaltungen der Menschen, die von Türcke mit seiner Konstruktion belehnt werden, weiß man allerdings wenig. Und so bewegt sich der Autor mit seinen Überlegungen in einem Imaginär, das er allerdings auch mit klugen etymologischen Ableitungen als Vorschläge zu bedienen weiß. Er befindet sich mit solchen Spekulationen in guter Gesellschaft. Bereits der junge Nietzsche will 1872 die Tragödie aus dem Verhältnis von apollinischen und dionysischen Gesängen hervorgehen lassen – mit dem Akzent auf den zweiten. In seiner späten Genealogie der Moral bezieht Nietzsche sich auf das alte römische Vertragsrecht der Zwölf Tafeln, um moralische Schuld und pekuniäre Schulden voneinander abzuleiten. Dahinter macht er bereits bei den frühen Menschen einen Hang zum Quälen und zum Sadismus aus. Türcke übernimmt das; er weitet Nietzsches Spekulationsraum freilich in Richtung auf die Frühzeit der Menschen weiter aus und führt ihn mit Freuds Szenarien zu Totem und Tabu eng. Er will so den Schritt vom Menschen- zum Tieropfer und schließlich ebenfalls zu den rituellen Übergängen in die griechische Tragödie ekphrasisch, also aktualisierend, ins Gedächtnis rufen.

Musik und Sprache
Darin wird die zweite Leitlinie von Türckes Überlegungen sichtbar. Es handelt sich um die Trennung von Musik und Sprache, also um die Aufteilung von musikalischen Veranstaltungen und solchen des Sprechtheaters. Hier findet Türcke ein reziprokes Verhältnis. Aus dem Chor der Opfergesänge entstehen in der Frühzeit der Tragödie erste Sprechpassagen. In diesen werden die mythologischen Geschichten ins Profane gezogen, um anschließend nachgespielt zu werden. Dabei bekommt der rhythmisch gegliederte Sprachanteil die Oberhand über die Tonarten der Musik. Tanz, Kostüme, Publikums- und Chorbeteiligung werden allmählich vom Hauptgeschehen auf die Zwischenpausen der Tragödien reduziert. In dieser Gestalt erreichen die Stücke im 16. Jahrhundert Mitteleuropa. Aus den mit Tänzen und Gesängen gefüllten Umbaupausen entwickelt sich – angereichert mit dem variierenden Märchenstoff des Orpheus – nun das Opernwesen. Zuvor hatte ab dem fünften Jahrhundert das christliche Passionsgeschehen und die polyphonen Darstellungen des Pfingstwunder die paganen Formen abgelöst. Anlässlich der Hochzeiten der Medicis in Florenz werden die antiken Formen dann in eine Opernpraxis überführt, die im 19. zu einer neuen Blüte gelangt.

Lärm, Geräusch, Musik und Sündenfall
In seiner Ablehnung einer Gleichsetzung von Naturklängen des Urwalds oder der Vögel mit musikalischen Formen folgt Christoph Türcke den Vorgaben von Adorno. Der hatte sich allerdings auch gegen Spekulationen über die Urzeit des Menschen gewandt und sie sich in der Ästhetischen Theorie seinerseits verkniffen. Hier legt Türcke noch ein paar Scheite mehr aufs Feuer und schildert seine Überlegungen zur Opferlogik in paganen Gesellschaften in den leuchtensten Farben. Der Schrei der Menschenopfer durchzieht danach bis heute die Tonarten Moll und Dur und will sich nicht in das mitteleuropäische Tonsystem einfügen lassen.1

Vom Urschrei zur Neuen Musik
In seiner detaillierten Darstellung dieses komplexen Geschehens zieht Türcke nun alle Register und springt dabei wie ein Derwisch so hin und her zwischen Stockhausen, Nietzsche, Hanslik, Wagner und Mahler, dass es den Leser oft genug schwindelt. Dabei zieht er immer auch die innere Form der Musik und der Sprache als Rhythmus in Betracht. So spiegelt sich das eine im andern. Beides bleibt dennoch für Türcke auf etwas Sakrales ausgerichtet. Die Musik ist für ihn „eine im Rufen stecken gebliebene Lautproduktion. Sie ist gestisch: auf etwas gerichtet, wonach sie ruft, was sie aber nicht eigentlich benennt. Denn das Heilige ist kein subsumierbares Objekt, es ist unverfügbares Epiphaniegeschehen.“ Dabei bezieht Türcke sich weniger auf angestammte Theologie als auf die Theorie des Heiligen, wie etwa bei dem französischen Soziologen Émile Durkheim oder den Ethnologen James George Frazer und Lucien Lévy-Bruhl. Bei seiner Schilderung der Rituale ist ungenannt immer auch Aby Warburg und sein Vortrag über das Schlangenritual der Hopi-Indianer in Neu Mexiko anwesend.2 Die Gesänge und Tänze sollen in diesen Ritualen die Kräfte der Natur mithilfe einer ersten mimetischen Technik bannen und sie zugleich in Ihrem Sinne beeinflussen. Die Zauberei aus Wassernot wird damit zugleich Prototyp der symbolischen Formen (Ernst Cassirer) auch der späteren Menschheit. Dazu gehören nicht nur naturwissenschaftliche Techniken, sondern insbesondere auch die Veranstaltung der Musik.

Unschwer ist zu erkennen, dass Türcke sich damit im Horizont einer Dialektik der Aufklärung bewegt. Die Kritik der Kulturindustrie von Horkheimer und Adorno wird von ihm zwar nur im Zusammenhang der Industriekritik von Max Weber genannt, ihr Ansatz bleibt aber in seiner Argumentation naturalisiert enthalten. Zugleich bricht in solchen Sätzen – weniger in der Sache als in der Form von Bibelzitaten – Türckes Hintergrund als Theologe durch. Ohne Frage entwickelt sich die moderne Form der Musik auch mit Schönberg und Berg vor einem jüdisch-christlichen Hintergrund. Das gilt auch noch für die modernen Ausbruchsversuche Jazz, Pop oder Rap. Das zeigt Türcke an vielen Beispielen vor dem immanenten theologischen Hintergrund ihrer Entwicklung.

Seine Darstellung ist von einer großen Sachkenntnis geprägt. Türcke wächst im Schreiben über sich hinaus und macht mit seinem Buch gleichsam ganze Bibliotheken überflüssig. Seine Einsicht in die musikalischen Zusammenhänge, die auszudrücken anscheinend lange in ihm geschlummert hat, führt zu einem Stil, der alles Material in sich hineinzieht, reflektiert und neu sortiert. Das wirkt über weite Strecken so, als wolle er damit die Diabolik der Welt durch den Demiurgen rückgängig machen. Dafür spielt er ihr gleichsam ihr eigenes Lied vor. Es gibt lange Passagen, die von diesem Ausdruck getragen sind. Man merkt dann dem Autor die Begeisterung an, mit der er seine Thesen vorträgt, Zusammenhänge herstellt, Sprachverbindungen nachgeht und Gedankenblitze ausrollen lässt.

Hören, Fragment und Gerechtigkeit
Gleichwohl entwickelt Türcke dabei in seiner Darstellung kein neues System. Die chronologische Linie dient ihm nur als ein Anlass, um daran seine funkelnden einzelnen Überlegungen aufzuhängen. Es entstehen auf diese Weise Kreisbögen einzelner Gedanken und Einfälle zu fast allen wichtigen Themen um die Musik herum. Und auch darüber hinaus: nämlich zu Fragen der Psychoanalyse, zur Entstehung der Sprache oder zur aktuellen Politik. In diesen Fragmenten versteckt sich Türckes eigentliches Programm. So entsteht erstaunlicherweise das Bild eines romantischen Philosophen. Sein Buch gleicht darin etwa Novalis‘ Blüthenstaub von 1798. Wie ein rückwärtsgewandter Prophet erschließt Türcke sich durch seinen Vorschlag, das Ritual nicht zu vergessen, sondern sich seine Kosten zu vergegenwärtigen, den Horizont des Imaginären, das die Musik selbst bis heute ausmacht. Es ist ein Vorklang dessen, was kommt; so dargestellt, als sei es bereits heute anwesend. Das transzendiert die einzelnen Kategorien der Wissenschaft, der Kunst und der Theologie. Der Philosoph Türcke wertet den Denkraum, um den die Surrealisten, Adorno, Aby Warburg und auch die Romantiker sich so viele Gedanken gemacht haben, als einen Hörraum auf. Aus Bildfahrzeugen werden Hörfahrzeuge. Türcke schreibt eine imaginäre Geschichte der Musik aus dem Geiste der Opfer, um Ihnen nachträglich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

1 Adorno seinerseits hatte den Rahmen seiner Sprach- und Mythenkonstruktionen aus Benjamins Sprachtheorie und dessen Ursprung des deutschen Trauerspiels übernommen. Dort sprich Benjamin vom kultisch umgebildeten Menschenopfer der Griechen. Danach entsteht auch die jüdisch-christliche Profanität der Sprache aus dem von ihm nun romantisch interpretierten Mythos des Sündenfalls und die ursprüngliche Namenssprache ist der Versuch, diese Ruptur per Gesang wieder zurückzunehmen. Dieser Version schließt Türcke sich allerdings nicht an.

2 Vgl. Aby Warburg, Schlangenritual, Berlin: Wagenbach 1988, Neuauflage 2025.

Artikel online seit 24.02.26
 

Christoph Türcke
Philosophie der Musik
C.H. Beck
510 Seiten
38,00 €

978-3-406-82994-9

Leseprobe & Infos

 


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