|

Darin enthalten:
Das Spinnennetz, Hotel Savoy, Die Flucht ohne Ende,
Hiob, Radetzkymarsch,
Die Kapuzinergruft, Tarabas, Beichte eines Mörders, Das falsche
Gewicht, Essays und Feuilletons
|
Der Verlorene lebt
Joseph Roth »Werke« in 4 Bänden enthält
die wichtigsten Romane
und Erzählungen in der Textgestalt der Erstdrucke sowie eine
Auswahl der besten Essays.
Von Karl Martin
|
|
»Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich nicht mehr darum,
zu ›dichten‹. Das Wichtigste ist das Beobachtete.«
So programmatisch eröffnet Joseph Roth seinen Bericht »Flucht ohne Ende«
über die Odyssee des Franz Tunda,
eines österreichischen Offiziers im Ersten Weltkrieg, der aus der russischen
Kriegsgefangenschaft flieht. Auf seiner abenteuerlichen Irrfahrt gerät er in die
Wirren des russischen Bürgerkriegs, in die kommunistische Avantgarde und die
Arme einer schönen Georgierin. Doch nirgends kommt Tunda an. Baku, Moskau, Wien,
Paris – jeder Ort erweist sich bloß als weitere Etappe seiner Flucht.
In diesem »Bericht« dampft Roth einen Romangehalt tolstoischer Ausmaße auf ein
Textkonzentrat von 160 Seiten ein.
»Die Flucht ohne Ende«, findet sich in Band 1 der kompakten Werk-Ausgabe
enthalten, die eingeleitet wird
mit einem einfühlsamen Text von Claudio Magris; den einzelnen Werken sind
Nachworte u. a. David Bronsen, Karl-Markus Gauß, Hanjo Kesting, Harald Hartung
und Hans Richard Brittnacher beigegeben, ebenso die aufschlußreiche
zeitgenössische Rezensionen von Stefan Zweig, Ludwig Marcuse, Hermann Hesse,
Siegfried Kracauer, Max Rychner u. a. Ein Glossar erläutert Austriazismen und
heute nicht mehr geläufige Begriffe. Und das macht Sinn, denn jede neue
Generation muß die großen Klassiker für sich entdecken. Und gerade in Zeiten wie
diesen, da für selbstverständlich gehaltene Gewissheiten in Gesellschaft,
Politik und Kultur, sich plötzlich ins Chaos wenden können, macht es Sinn, den
großen verlorenen Autor Joseph Roth zu lesen.
In seinem unverwechselbaren Sound
protokolliert Roth das Leben des alten Europa. Er zeigt wie der Untergang der
Habsburgermonarchie in der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« sich auf
traumatische Weise in die Psyche der Völker eingegraben hatte. Seine Figuren
sind imprägniert von der Melancholie und Verlorenheit, die in den Jahren nach
dem Ersten Weltkrieg und dem Kollaps der »Welt von gestern« die Menschen
erfasste. Seine Genauigkeit und die lebendige Bildlichkeit seines Erzählstils
sind von einer existentiellen Wucht und
Magie, der sich niemand, in dessen Brust ein Herz schlägt, entziehen kann.
Joseph
Roth, der Dichter des »Radetzkymarschs« und scharfzüngige Journalist, ein von,
oft selbst fabrizierten, Geheimnissen umgebener Spötter und Abkömmling des
verschwundenen ostjüdischen Kosmos, berühmter Trinker, Hotel- und
Caféhausbewohner, Zeitgenosse, Freund und Feind von Egon Erwin Kisch, Alfred
Polgar, Bertold Brecht, Heinrich Mann, Irmgard Keun, Ödön von Horváth, den
expressionistischen Malern, Ihnen allen setzt diese Ausgabe ein zeitgemäßes Lesezeichen.
Solche Bücher machen glücklich.
»Es war am 27. August 1926, um vier Uhr nachmittags, die Läden waren voll, in
den Warenhäusern drängten sich die Frauen, in den Modesalons drehten sich die
Mannequins, in den Konditoreien plauderten die Nichtstuer, in den Fabriken
sausten die Räder, an den Ufern der Seine lausten sich die Bettler, im Bois de
Boulogne küßten sich die Liebespaare, in den Gärten fuhren die Kinder Karussell,
Es war um diese Stunde, da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und
frisch, ein junger starker Mann von allerhand Talenten, auf dem Platz vor der
Madeleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und wußte nicht, was er machen
sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen
Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der
Welt.«
Ein guter Platz, um über das Leben nachzudenken.
Lesen Sie Joseph Roth, gerade in Zeiten wie diesen.
Artikel online seit 08.04.26
|
Joseph Roth
Werke
2496 S., 4 Bände, geb.,
€ 99,00
978-3-8353-5785-3
|