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Das Gedächtnis der Erde

Anatoli Kusnezows Roman eines Augenzeugen »Babyn Jar«

Von Jürgen Nielsen-Sikora

Das Massaker von Babyn Jar bei Kiew markiert einen frühen Höhepunkt der systematischen nationalsozialistischen Massenvernichtung und steht exemplarisch für jene Gewaltgeschichte, die der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder mit dem Begriff der „Bloodlands“ beschrieben hat. Es handelt sich um jene Räume Osteuropas, in denen sich Besatzung, Vernichtungskrieg und nationalsozialistische Bevölkerungspolitik in besonderer Weise überlagerten – Orte der Massenerschießungen und Kriegsverbrechen, aber auch der Kollaboration und der Beteiligung nichtdeutscher Akteure an der Vernichtung der europäischen Juden.

Wie diese Gewalt aus der Perspektive eines Täters erfahren und zugleich literarisch rekonstruiert werden kann, zeigte Jonathan Littell bereits 2006 in seinem Roman Die Wohlgesinnten. Seine Figur des SS-Offiziers Maximilian Aue ist in die Massenerschießungen von Babyn Jar involviert. In der scheinbar nüchternen Sprache des Täters heißt es: „Zwischen den Erschießungen untersuchten einige Offiziere die Opfer und gaben ihnen, falls nötig, den Gnadenschuss mit der Pistole.“ Gerade die Lakonie dieser Formulierung macht die Pervertierung des Begriffs sichtbar: Der „Gnadenschuss“ bezeichnet hier nicht Barmherzigkeit, sondern die routinisierte Vollendung eines Mordes. Umso grotesker wirkt der Kontrast zu jener Szene, in der den Beteiligten beim Anblick von Blutwurst-Konservendosen übel wird.

Der historische Kontext dieser Verbrechen verweist auf die Eskalationslogik des deutschen Vernichtungskrieges. Nachdem sich die Rote Armee im September 1941 aus Kiew zurückgezogen hatte und von ihr hinterlassene Zeitzünderbomben bei der Besetzung der Stadt auch deutsche Soldaten töteten, nutzten die deutschen Besatzer die Explosionen als Vorwand für sogenannte Vergeltungsmaßnahmen. Sie richteten sich insbesondere gegen die jüdische Bevölkerung. Am 29. und 30. September 1941 wurden in der Schlucht von Babyn Jar mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden von Einheiten der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes sowie von weiteren deutschen und kollaborierenden Kräften zusammengetrieben und erschossen. In den folgenden Jahren wurde Babyn Jar zu einem zentralen Schauplatz weiterer Massenmorde, denen insgesamt mehr als 150.000 Menschen zum Opfer fielen.

Die Gewalt erschöpfte sich dabei keineswegs in den Massenerschießungen. Verhöre, Folter, Vergewaltigungen, Prügel, Zwangsarbeit, Verstümmelungen und weitere Exekutionen gehörten zum Repertoire einer Besatzungspolitik, die politische Gegner vernichten und zugleich die Bevölkerung terrorisieren sollte. Zu den wenigen unmittelbaren Zeuginnen des Massakers gehörte Dina Pronitschewa, die die Erschießungen überlebte und später in sowjetischen Kriegsverbrecherprozessen aussagte. Ihre Zeugenschaft verweist auf eine Dimension, die sich statistischer Erfassung entzieht: Hinter den Zahlen stehen einzelne Körper, einzelne Biografien und die Erinnerung derjenigen, die der Vernichtung entkommen sind.

Auch die literarische Rekonstruktion Anatoli Kusnezows, der als Vierzehnjähriger die Ereignisse rund um die Schlucht von Babyn Jar miterlebte, führt diese Perspektive auf die konkrete Erfahrung der Gewalt zurück. In seiner dokumentarisch-literarischen Darstellung erscheint das Morden zugleich als ein Vorgang von erschreckender Routine und bürokratischer Organisation. Über die Ankunft der Gaswagen schreibt er:

„Aus der Stadt trafen Gaswagen mit lebenden Menschen ein. Sie fuhren so dicht wie möglich an die Öfen heran, und erst hier wurde das Gas eingeleitet. Aus dem Laderaum drangen dumpfe Schreie, dann wurde irrsinnig an die Tür geschlagen. Der Lastwagen stand, der Motor lief, die Deutschen rauchten in aller Ruhe. Schließlich wurde es im Laderaum still, die Deutschen öffneten die Tür, und die Häftlinge machten sich ans Ausladen. Die Menschen waren warm, schweißnass, bei fast allen hatten sich Blase und Darm entleert, manche waren vielleicht noch am Leben. Man legte sie auf den Scheiterhaufen.“

In der Nüchternheit dieser Beschreibung liegt ihre besondere Verstörungskraft. Das Grauen erscheint nicht als Ausnahmezustand, sondern als organisierter Vorgang, in den Menschen und Maschinen ineinandergreifen. Gerade diese Verbindung von technischer Routine und körperlicher Vernichtung macht Babyn Jar zu einem paradigmatischen Ort der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte.

Es gab eine Zeit, in der wir solche Beschreibungen aus einer scheinbar sicheren historischen Distanz lesen konnten – im Bewusstsein, dass die Barbarei vorüber war und die Ordnung, die sie hervorgebracht hatte, überwunden schien. Diese Gewissheit ist brüchig geworden. Gerade deshalb gewinnt die Frage nach dem Gedächtnis solcher Orte eine neue Dringlichkeit.

Babyn Jar steht nicht nur für die Dimension des nationalsozialistischen Massenmordes, sondern auch für dessen konkrete, körperliche Unmittelbarkeit. Zugleich erzählt die Geschichte des Ortes von einer langen Nachgeschichte des Verschweigens und Verdrängens. Nach dem Krieg wurde das Gelände nicht zu einem dauerhaften Erinnerungsort. Kusnezow beschreibt vielmehr, wie auf dem ehemaligen Gelände ein Wohnkomplex entstand, „sozusagen auf Knochen“ errichtet. Beim Ausheben der Baugruben stießen die Arbeiter immer wieder auf menschliche Gebeine, „manche mit Draht zusammengebunden“. Das Gedächtnis der Erde erweist sich als erbarmungslos: Was ausgelöscht, überbaut und zum Verschwinden gebracht werden soll, kehrt in materieller Form zurück. Die Balkone der neu errichteten Häuser blickten unmittelbar auf jenen Ort, an dem im September 1941 Zehntausende jüdische Menschen ermordet worden waren.

So handelt die Geschichte von Babyn Jar nicht allein von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Sie handelt ebenso davon, was nach der Gewalt mit ihren Orten, ihren Spuren und ihrem Gedächtnis geschieht – und davon, wie schwer es Gesellschaften fallen kann, das Vergangene sichtbar zu halten, wenn es den Blick auf die Gegenwart stört.

In Black Earth richtet Timothy Snyder den Blick deshalb nicht allein zurück, sondern fragt auch nach den Bedingungen, unter denen sich vergleichbare Katastrophen verhindern lassen. Die Erinnerung an den Holocaust ist für ihn nicht bloß eine Verpflichtung gegenüber den Toten. Sie ist zugleich eine politische und ethische Aufgabe der Gegenwart: Nur wer versteht, unter welchen Bedingungen staatliche Ordnung zerfällt, Menschen entrechtet und Gewalt normalisiert wird, kann die Voraussetzungen ihrer Wiederkehr erkennen. Die Beschäftigung mit dem Holocaust wird damit zu einer Frage der Gegenwart – und letztlich zu der Frage, wie wir unsere Menschlichkeit auch unter veränderten historischen Bedingungen bewahren.

In diesen Tagen wirkt dieser Appell dringlicher denn je seit 1945.

Artikel online seit 08.10.26
 

Anatoli Kusnezow
Babyn Jar
Roman eines Augenzeugen
Übersetzt von Christiane Körner
Matthes & Seitz, Berlin
520 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
32,00 €
978-3-7518-1042-5

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