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Der wohlhabende Jean-Louis de Vénasque,
den schon seit seiner Kindheit ein heftiger Entdeckerdrang quält, berichtet,
dass er im Februar 1905 zufällig einen ehemaligen Schulkameraden, den Ingenieur
Jacques Ceintras, getroffen hat. Beide verbindet, wie sie schnell feststellen,
dass sie von Lenkballons fasziniert sind, »die von den Menschen, an zarten
Gasblasen hängend, nach Belieben durch die Lüfte gesteuert werden«.
Ceintras glaubt, er könne so einen steuerbaren Heißluftballon konstruieren und
mit ihm einen der Pole erreichen. Er brauche allerdings einen Geldgeber für sein
kostspieliges Vorhaben. Mit de Vénasques finanzieller Unterstützung gelingt
schließlich der Bau des fliegenden Apparats, und mit einem stattlichen Vorrat an
Delikatessen, dem unvermeidlichen Rotwein und Cognac machen sich die zwei
Franzosen auf den Weg zum Nordpol. Der Cognac wird später ihre gestressten
Gemüter beruhigen.
An dieser Stelle ist zu bemerken, dass im 19. Jahrhundert die Luftfahrt in Gang
gekommen war. Und wenn der alte Menschheitstraum vom Fliegen wahr zu werden
begann, was sollte einen Literaten davon abhalten, noch ein bisschen weiter zu
träumen, eventuell auch mit Albtraum-Momenten? Und warum sollte er sich bei
seinen Träumen auf das Fliegen beschränken?
Schon ein Jahr vor »Le Peuple du Pôle«, wie das Buch im Original heißt, hatte
Charles Derennes mit einer Kurzgeschichte einen ersten Versuch unternommen. Er
stellte sich so in eine Reihe mit Jules Verne und H.G. Wells, über den er auch
einen Zeitschriften-Beitrag verfasst hat. In seinem Roman verbindet er Elemente
des Schauerromans mit treffenden psychologischen Einsichten.
Seine beiden Protagonisten entdecken, was vor ihnen noch kein menschliches Auge
gesehen hat: aufrechte, echsenartige Wesen, die am Nordpol leben, und die
Forscher reagieren höchst unterschiedlich auf sie. Der Erzähler de Vénasque
zeigt sich nur bei der ersten Begegnung aggressiv, was ihm schnell verziehen
wird. Die Nordpolbewohner waren über den unerwarteten Besucher anscheinend
genauso erschrocken.
Der Adelige vermutet menschenartige Regungen in ihnen und wirbt bei seinem
aufgebrachten Freund um Verständnis. Doch den immer zorniger werdenden Ceintras
erfasst eine (selbst)zerstörerische Psychose.
Die Echsen haben in ihrer Abgeschiedenheit mächtige Maschinen erfunden, die
ihnen das Überleben am unwirtlichen Pol ermöglichen. Deshalb billigt ihnen de
Vénasque eine höhere technische Intelligenz zu als den Menschen, was den
wohligen Schauder bei den Lesern der französischen Erstausgabe verstärkt haben
dürfte. Damals bewunderte man Dampfmaschinen und mechanische Geräte,
Dampflokomotiven und Dampfschiffe als menschliche Großtaten.
Um de Vénasques Bericht in der Leserschaft etwas abzusichern, hat ihn Derennes
mit einem Rahmen versehen, in dem Wissenschaftler zu Wort kommen. Am Ende
scheint sogar der von de Vénasque als schwierig geschilderte Ceintras der
umgänglichere und sympathischere Zeitgenosse von beiden gewesen zu sein.
Die deutsche Edition ist mit ihrem rein männlichen Personal und den schönen
Schachtelsätzen klassischer Prosa eine gewagte verlegerische Unternehmung
heutzutage. Unter dem Titel »Das blaue Licht« plant der in Heidelberg
neugegründete Flur Verlag, weitere phantastische Werke herauszubringen, auf die
man gespannt sein darf.
Artikel online seit 06.04.26
Wir danken Strandgut - Das
Kulturmagazin für Frankfurt & Rhein-Main
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Charles Derennes
Ungeheuer am Nordpol
Roman
Aus dem Französischen von Dieter Meier
Flur Verlag,
Illustrierte Klappbroschur,
256 Seiten
22,00 €
978-3-98965-103-6
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