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»Entgiftung der Konvention«

Vom Nutzen und Nachteil der Philologie für das Verständnis des Textes.
Zur Publikation von Walter Benjamins
»Goethes Wahlverwandtschaften«
als vierter Band der neuen Ausgabe Werke und Nachlass

Von Wolfgang Bock
 

Kommentar oder Kritik?
»Die vorliegende Literatur über Dichtungen legt es nahe, Ausführlichkeit in der gleichen Untersuchung mehr auf Rechnung eines philologischen als eines kritischen Interesses zu setzen.« Mit diesen Sätzen beginnt Walter Benjamin seinen Aufsatz über Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften, der gerade in der neuen Ausgabe Werk und Nachlass der Benjaminschen Schriften als Band 4 erschienen ist. Der Erstdruck in zwei Nummern der Zeitschrift Neue Deutsche Beiträge von 1924/25 umfasst 84 Seiten. Dazu gesellen sich nun 930 Seiten Materialien und Kommentare. Allein diese Größenverhältnisse scheinen Benjamins These über das Verhältnis von Philologie und Kritik zu bestätigen. Doch wie so oft bei Benjamin geht es nicht um ein Gegeneinanderhalten von Begriffen, sondern um eine Auflösung und Neuzusammensetzung ihrer Voraussetzungen. Sein Unterfangen, dass er mit dem Essay anstrebt, ist es, keinen Kommentar zu Goethes Roman zu liefern: Er will diesen vielmehr zum Anlass nehmen, um eigene kritische Gedanken zu den Themen zu äußern, mit denen Goethe sich in seiner Zeit beschäftigt hat: das Verhältnis von Adel und Bürgertum, Ehe, Konvention, Freiheit, Mut, Ethik und Aberglaube. Das bildet den Hintergrund von Benjamins Einführung in die Gegenüberstellung von »Sachgehalt« und »Wahrheitsgehalt«, die er in den ersten Abschnitten vornimmt. Hinter solchen Kategorien mögen sich die beiden hermeneutischen Fragen verbergen: »Was meint der Text zu seiner Zeit?« Und: »Was bedeutet er für uns heute?«

Die erste Frage muss nun auch an Benjamins Text selbst gestellt werden; es ist zugleich die Aufgabe der Philologen, die ihn nun herausgeben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, denn die zweite Frage aber beantwortet kein Philologe, sondern der Leser oder der Kritiker als Rezensent, obwohl auch diese Position an eine philologische Aufgabe gebunden ist, nämlich den besprochenen Text weiteren Lesern darzustellen. Die Kernaufgabe der Herausgeber ist keine Kritik oder Entstellung, sondern eine Präsentation der Zusammenhänge des Buches, um anderen eine Interpretation zu ermöglichen. Dieses soll das Lesen erweitern und sie nicht etwa ersetzen. Anders als Benjamin selbst sollen die Herausgeber gerade keine eigene Stellungnahme abgeben. Dass sie dann nicht ganz ohne diese auskommen, liegt vielleicht in der Natur der Sache und wird in dieser Besprechung am Ende noch einmal angesprochen werden.

Hilfreiche Handreichungen
Mit der philologischen Darstellung des Sachgehaltes von Benjamins Arbeit in diesem Band solle den Lesern also die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst ein Bild zu machen. In diesem Sinne enthält die Ausgabe viel Gutes. Sie präsentiert drei Textversionen von Benjamins Aufsatz als Druck, Reinschrift und frühe Niederschrift; dazu kommt eine vierte Fassung in Varianten. Der Kommentar bringt in seinem Abschnitt über die Entstehungs- und Publikationsgeschichte die Ergebnisse der Benjamin-Forschung zum Text auf dem neuesten Stand. Dazu gehören unter anderem die Themenkomplexe Arbeiten im Vorfeld, Kritik an der Georgeschule und Friedrich Gundolfinger, Benjamins Goethe-Rezeption bis 1921, sein Aufenthalt in Heidelberg im Sommer 1921, sein Habilitationsversuch an der Universität Frankfurt am Main ebenso wie die gescheiterten weiteren Publikationsversuche des Aufsatzes als Buch und die damit zusammenhängenden misslingenden Pläne für eine Zeitschrift mit dem Namen Angelus Novus. Weiterhin werden Entwürfe, Konzepte und Manuskripte präsentiert, mit den Benjamin sich in der Zeit der Entstehung des Aufsatzes und des nachfolgenden Trauerspielbuches beschäftigt. Wie bereits bei der Edition der Gesammelten Schriften werden in der neuen Ausgabe Werke und Nachlass auch wieder Lesarten, Varianten, Erläuterungen und Nachweise beigebracht. Fast einhundert Seiten lang ist der Teil mit zugehörigen Briefzeugnissen. Zu diesen gesellen sich Faksimiledrucke einiger Seiten, Verlagsanzeigen, aber auch Besprechungen sowie erläuternde Tagebuchaufzeichnungen von Benjamins Freunden Gershom Scholem und Werner Kraft. Den Abschluss bilden Dokumente einer französischen Teilveröffentlichung, einschließlich Besprechungen und posthume Zeugnisse wie diejenigen von Theodor Adorno oder von Benjamins späterer Geliebten Asja Lacis. Dieser Apparat ist solide und belastbar. Das ist kein Wunder, denn für diesen Band zeichnet Ursula Marx verantwortlich, die seit langer Zeit im Berliner Walter-Benjamin-Archiv tätig und eine ausgewiesene Kennerin des Benjamischen Werkes und der Sekundärliteratur ist. Als weiterer Herausgeber dazu gekommen ist der Berliner Literaturwissenschaftler Martin Kölbel, der unter anderem den Briefwechsel von Willy Brandt mit Günter Grass ediert hat.

Literatur und Anarchie
Liest man in dem Band, so erfährt man also mehr Details, als man bislang aus den vorherigen Ausgaben wusste. Es steht einem nun aber zugleich die Lage der frühen 1920er Jahre in der Weimarer Republik klarer vor Augen. Die Nachkriegszeit gilt zwar einigen der zeitgenössischen Marxisten als eine objektive revolutionäre Situation, sie ist zugleich insbesondere im Bereich der Kunst und des Publikationswesens von Krisen geschüttelt. Benjamins Versuche, sich in der literarischen Welt der Weimarer Zeit Gehör zu verschaffen, leidet weniger darunter, als »Spinne im eigenen Netz« (Momme Brodersen) diese Versuche bewusst oder unbewusst zu boykottieren als vielmehr unter der Mangelverwaltung dieser Epoche im politischen, materiellen und intellektuellen Leben. Der persönliche Hintergrund Benjamins mit dem Scheitern seiner Ehe und seiner Beziehung zu Jula Cohn-Radt, seine Relation zu Florens Christian Rang, der seinerseits die Vermittlung zu Hugo von Hofmannsthal ermöglicht, werden ebenso deutlich wie etwa der Kontext mit Ernst Bloch oder Rainer Maria Rilke nicht ausgespart wird. Allein über Benjamins Kontakt zum Kreis um Marianne Weber lesen wir hier nichts.

Iphigenie reziprok
Der Aufsatz über Goethes Wahlverwandtschaften entsteht im Vorfeld des sich unmittelbar anschließenden Buches über den Ursprung des deutschen Trauerspiels. Benjamin verarbeitet hier bereits die von ihm aufgespürte Wirkung der spanischen Barocktrauerspiele von Pedro Calderón de la Barca und des englischen Theaters William Shakespeares auf Johann Wolfgang v. Goethe. Historisch entwickeln sich die dramatischen Personen des Theaters aus der physiologischen Struktur des Temperamenten-Schemas. Das wird insbesondere am Melancholiekomplex als Krankheit der Könige wie bei Hamlet deutlich. Daraus entwickelt Benjamin seine Lesart von Goethes Roman. Diese richtet sich zunächst gegen eine herkömmliche Interpretation als Zeugnis eines Ehebruches und Swingerlebens. Goethe geht es nach Benjamin damit um eine Entgiftung der Konvention und des Aberglaubens durch Ästhetisierung. Ihm ist es um ein Ethos zu tun, das der Macht der Gefühle gerecht wird und diese nicht versteckt oder verleugnet. Diese Kraft und damit sich selbst nicht ernst zu nehmen, ist danach das Hauptthema von Goethes Roman. Im ersten Teil geht es um Verliebtheitsgefühle, die zwei Pärchen jeweils gegenläufig auseinanderbringen, im zweiten Teil erfolgt dann der Niedergang dieser Beziehung. Das geschieht aus dem Grunde, weil die Protagonisten sich weigern, zu sprechen. Sie sind nicht in der Lage, sich ihre neue Wirklichkeit zuzugestehen, sie sich neu einzurichten und danach zu handeln. Damit variiert Goethe in seinem Spätwerk von 1809 das Thema der Iphigenie auf Tauris von 1786. Diese desavouiert durch ihre Offenheit die von partiellen Interessen geleiteten Clanziele ihres Bruders Orest und ihres Königs Thoas. Durch ihren Mut eröffnet sie gegen den Aberglauben des Orakels eine freie Möglichkeit im Zeichen einer emphatischen Wahrheit.

Die Sterne als Ideensphäre
In Goethes spätem Roman aber misslingt genau das den adeligen Protagonisten in der großen Handlung. Dafür wird in der dort eingestellten Novelle von den wunderlichen Nachbarskindern eine Lösung à la Iphigenie im Kleinen und vor allem nun im bürgerlichen Milieu präsentiert: Mut, Sprung und Entschiedenheit wird dort als Tapferkeit von den Göttern belohnt, wo die Zögerlichkeit und Trägheit des Sinns und des Herzens (acedia) in der großen Romanhandlung die Protagonisten unter ein Schicksal wirft. Der Fall unter das Fatum wird, wie Benjamin mithilfe einer Studie von Franz Boll über die entsprechende Entwicklung der Astrologie zur Astronomie herausarbeitet, bereits bei Goethe über das Sternenmotiv vermittelt. Das Deutungsmoment im Mythos wandelt sich zu einer aufgeklärten Poetik. Diese Umarbeitung eines vermeintlichen Schicksals durch Ethik wird dort als Aufgabe vermittelt, die von den Protagonisten allerdings nicht erkannt wird. Sie selbst sehen diese nicht und stellen sich ihr gegenüber taub. Bereits bei Calderón müssen die Dinge dann handeln, wenn die Menschen es unterlassen. Bei Goethe ist es die Natur, die im Wassertod das Kind nimmt, dass die Menschen weder physisch noch metaphysisch beschützen konnten. Trotzdem will Benjamin die Protagonisten von Eduard bis zum Hauptmann nicht transzendental verloren geben. In einer gegenstrebigen Fügung hält er an ihrer Hoffnung und an ihrer Erlösung negativ als Möglichkeit fest. Seine Interpretation von Goethes Werk endet mit dem versiegelten Satz: »Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.«

Ein kritisches Nachwort?
Das berühmte Ende soll sich in Benjamins Text nun auf eine von ihm angewandte Form von Dialektik beziehen: In ihrem Nachwort betonen die Herausgeber, dass die Gliederung und Disposition – etwa wie in Franz Rosenzweigs Stern der Erlösung – eine Dialektik noch erkennen ließen. Im Druck seien die Kapitelüberschriften und die Stichworte von ihm entfernt worden. Dialektik bei Benjamin wäre allerdings ein eigenes Kapitel. Es wäre das Thema einer Kritik und kaum eines philologischen Kommentars. Denn nicht wäre es zu erwarten, dass Benjamin in dieser Hinsicht einer Triade von These, Antithese und Synthese à la Hegel folgte. Vor allem gegen eine Aufhebung der verschiedenen Motive spricht bereits bei Goethes Roman die ungleiche Gegenüberstellung von tragischer Romanhandlung und gelingender kleiner Form der Novelle, die Benjamin übernimmt. Daher muss, wenn im Zusammenhang mit Benjamin von einer Dialektik die Rede sein soll, gesagt werden, dass von ihm ein negatives Zeichen der Hoffnung aufgerufen wird, die nicht aufgeht und also bestimmte Reste zurücklässt, die sich einer einfachen Einlösung widersetzten. Daran kann man unter anderem erkennen, dass Benjamin ein früher Stichwortgeber für Adornos Spätwerk Negative Dialektik gewesen ist.

Grenzen des Kommentars
Im Nachwort der Herausgeber werden dazu Thesen entfaltet, die die Schranke zwischen Kommentar und Kritik tendenziell überschreiten. Zuvor wird dort darauf eingegangen, dass Benjamin anscheinend ein fehlerhafter Zitator gewesen sei. Auch das irritiert, zumal der Tonfall, in dem das vorgebracht wird. Zwar versteht man, dass es einem Philologen gegen den Strich gehen mag, wenn sein Autor anscheinend unrichtig transkribiert (etwa »Säger« statt »Sänger«). Liefert dieser doch den Maßstab auch für seine eigene Arbeit und entfacht so gleichsam ein Holzfeuer im hölzernen Ofen. Das gilt insbesondere, wenn daraus noch eine besondere Zitationstheorie abgeleitet werden soll. Allerdings werden hier Beispiele aus dem Passagenwerk aufgeführt, Briefstellen der früheren Herausgeber oder Kommentare von Adorno. Auch hier stellt sich die Frage nach der Angemessenheit des Tonfalls, in dem das vorgebracht wird. Auch Benjamin kocht nur mit Wasser. Vermutlich handelt es sich bei den nachgewiesenen Fehlern schlicht und einfach um projektiertes Lesen und entsprechendes Reproduzieren. Benjamin will etwas Bestimmtes sehen, das nicht unbedingt im Text steht. Ähnliches steht möglicherweise auch hinter seinen Formulierungen von der »Nachreife des festgelegten Textes«. Damit steht er nicht allein. Wir kennen das nicht nur von Gilles Deleuze oder Michel Foucault. Auch Marcel Proust hält sich nicht an die herkömmlichen Regeln der französischen Grammatik. Von André Gide etwa ist die Formel überliefert, dass der Einfluss Nietzsches in Frankreich in dem Masse zurückging, als man begann ihn zu lesen etc. Daraus sollte allerdings weder ein Geniekult abgeleitet noch sollte das, wie im vorliegenden Fall, dem Leser übermäßig unter die Nase gerieben werden. Mit Recht sollen Philologen den Sachgehalt des Textes und auch seines Autors vom Deutungsgehalt trennen, wie es auch eine neukantianische Figur verlangt, die nicht nur eine Binsenweisheit ist. Unter der Hand spielen auch bei den treuesten Sachverwaltern der Autoren Dinge eine Rolle, die die Philologen mitbringen und die mindestens unbewusst ihren Blick auf den Gegenstand beeinflussen. Kurz, solche Überlegungen im Nachwort aus der Perspektive der Philologen irritieren den Leser. Insgesamt aber ist der Band gelungen und er sei jeder und jedem, die oder der den Text bislang noch nicht gelesen hatte, aber auch denjenigen, die ihn bereits kennen, ans Herz gelegt. Denn bis auf das Nachwort, dass in puncto Kommentar und Kritik aus der Reihe tanzt, hält sich auch dieser Band der Ausgabe Werke und Nachlass Benjamins an die selbst gesetzten programmatischen Leitlinien der Ausgabe. Diese finden sich auch in diesem Band noch einmal zum Nachlesen abgedruckt.

Artikel online seit 31.01.26
 

Walter Benjamin
Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe
Band 4:
Goethes Wahlverwandtschaften
Herausgegeben von Martin Kölbel und Ursula Marx.
Mit farbigen Abbildungen
1014 Seiten
78,00 €
978-3-518-58821-5

Leseprobe & Infos
 

 


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