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Eine prachtvolle schamanische Oper Von Wolfgang Bock |
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Die Weltklimakonferenz in der brasilianischen Urwaldmetropole Belém, bei der kein gemeinsamer Ausstiegsplan festgelegt wurde, ist am 22. November 2025 zu Ende gegangen. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz und sein Tross aus Beratern und Journalisten wollte dort bekanntlich keinen Tag länger bleiben. Lieber wollten sie ins »schöne Deutschland« zurückkehren. Das geschah zum Leidwesen des örtlichen Bürgermeisters und des brasilianischen Staatspräsidenten. Wer sich über einen solchen Rückzug aber gefreut haben dürfte, das sind die Indigenen des Amazonas-Urwaldes. Sie hätten sich allerdings noch mehr gefreut, wenn nicht nur die Deutschen gegangen wären, sondern alle anderen Weißen mit ihren Gewehren und Maschinen zur Rodung des Waldes gleich mit Ihnen. Das Buch, das der französische Ethnologe Bruce Albert zusammen mit dem Yanomami-Schamanen Davi Kopenawa unter dem Titel Der Sturz des Himmels vorlegt, ist Zeugnis einer solchen Perspektive. Nicht wird hier auf die amerindianischen Ureinwohner als ein vermeintlich kriegerisches Volk geblickt, das sich selbst umbringt, Frauen versklavt und sich auf der zivilisatorischen Stufe von Steinzeitmenschen bewegt, wie es 1968 noch die Werke des amerikanischen Anthropologen N. A. Chagnon nahelegen.[1] Hier kommt nun ein Vertreter der Indianer selbst zu Wort. In 24 Kapiteln, aufgeteilt in die drei Abschnitte »Anders werden«, Metallschwaden« und »Der Sturz des Himmels« berichtet der Schamane dem französischen Anthropologen seine Sicht der Welt. Das Buch erscheint 2010 auf Französisch, 2013 auf Englisch, 2016 auf Portugiesisch und 2024 bei Matthes&Seitz, Berlin auch auf Deutsch. Die Welt des Waldes Der Aktivist Davi Kopenawa, dem unter anderem 2019 für sein Engagement der alternative Nobelpreis »Right Livelihood Award« verliehen wurde, kommt 1956 in einem Gemeinschaftshaus seines Stammes zur Welt. Das stand im nördlichen Brasilien im Grenzgebiet zu Venezuela und Kolumbien. Als Jugendlicher bekommt sein Stamm Kontakt mit weißen Missionaren und Prospektoren, die es auf das Holz und die reichen Bodenschätze der schwer zu erreichenden Gegend abgesehen haben. Gleisnerisch schenken sie den Ureinwohnern Werkzeuge und lassen sie für sich arbeiten. Sie bringen ihnen aber auch die sie rasch dezimierenden Krankheiten Masern, Malaria und Tuberkulose. Auf der Flucht vor weiteren Kontakten ziehen die überlebenden Ureinwohner in andere Regionen des Urwaldes. Der Autor besucht eine Missionsschule und lernt als einer der wenigen Yanomami Lesen und Schreiben in der portugiesischen Sprache. Das prädestiniert ihn später zum Dolmetscher. Seiner Tätigkeit als Agent der brasilianischen Indianerbehörde FUNAI auf verschiedenen Posten lässt ihn rasch das für seine Leute Unheilvolle des Kontaktes zu den Weißen erkennen. Bald nimmt er Abschied von dem Wunsch des Kolonialisierten, selbst ein Weißer zu werden. Unter der Anleitung seines besonnen handelnden Schwiegervaters, der ein großer Schamane ist, wendet er sich wieder der Welt des Waldes und den Traditionen seiner Kultur zu. Er verwendet seine Kenntnisse der Welt der Weißen nun, um sie aus seiner Sicht zu kritisieren und sich ihnen entgegenzustellen. Anders werden Die Ausbildung zum Schamanen beschreibt Davi Kopenawa im ersten Teil des Buches. Die Yanomami bedienen sich dazu einer LSD-ähnlichen Droge, die sie Yakoana nennen. Sie wird, nachdem sie zu einem Pulver verarbeitet ist, mit einem Rohr in die Nase des Adepten geblasen. Nach einer langjährigen und komplexen Einführung in ihre Rituale sind diese Schamanen in der Lage, die Bilder der gegenwärtigen und vergangenen Wesen und Gegenstände als Lichter tanzen zu sehen. Hier vermischen sich Tier, Pflanzen- und Ahnen-Imagos in einem wilden Kosmos, deren Kräfte die Indianer Xapiri nennen. Jeder Schamane besitzt und umsorgt eine Heerschar solcher Geister, mit deren Hilfe er die Leute seines Hauses gegen andere böse Geister verteidigt, die ihnen ansonsten Krankheiten bringen. In verschiedenen Ritualen erhalten die Schamanen, zu denen auch Frauen inauguriert werden können, auf diese Weise das Leben des Waldes aufrecht, der sie ernährt und ihren lebendigen und beseelten Lebensraum bildet. Kopenawa erläutert ausführlich den Schöpfungsmythos des Gottes Omama und seines Widersachers Yoara, der ihm als Demiurg in die Suppe spuckt. Auf diese Weise entsteht ein animistischer Kosmos mit belebten Orten und Kräften, der es durchaus mit einer westlichen Weltsicht aufnehmen kann. Vor allem der Anspruch der Missionare, die Grundlagen der Welt auf den einen christlichen Gott und seinen Widersacher zurückzuführen, die man ihnen als Teosi und Satanasi vorstellt, überzeugt die Autochthonen nicht: »Diese Götter können wir nicht sehen, sie können uns nicht heilen.« Sie sind mit dem Leben der Weißen verbunden, die ihnen ansonsten hauptsächlich den Tod bringen. Die Ankunft der Fremden Der junge Indianer ist zunächst von der neuen Welt, die die Missionare ihm zeigen, fasziniert. Bald aber erkennt er die Gefahr, die für die Ureinwohner des Waldes von den offiziellen Straßenbauern, den Viehzüchtern und den illegalen Goldsuchern für sein Leben und das des Waldes ausgeht. Traditionell betreiben die Indianer im Wald Gärten nach einer schonenden Swiddening-Methode. Auch die Jagd erfolgt auf der Grundlage einer Identifikation der erlegten Tierseelen mit der eigenen und nach Gesetzen, die die unreglementierten Massentötungen »auf Stecke« à la Kaiser Wilhelm II. verunmöglicht. So darf der Jäger zum Beispiel die erlegte Beute selbst nicht essen, sondern muss sie verteilen. Für die nun einziehenden Weißen besteht der tropische Regenwald dagegen nur aus vernutzbaren Rohstoffen. Ihre Art des Aufreißens des Bodens und des Herausspülens des Goldes mit Säure und Quecksilber führt zu einer gigantischen Umweltverschmutzung, die die Fische vergiftet, das Wild vertreibt und die Früchte ungenießbar macht. Die Rodung der Bäume und die Anlage von Viehweiden hinterlassen eine unfruchtbare Steppe. Beim Zugriff auf die Ressourcen des Waldes sind den Garimpeiros und ihren Pistoleiros die Wilden im Wege. Entsprechend werden ihre Siedlungsgebiete von der Regierung in Parzellen aufgeteilt und an Firmen verkauft. Durch ihre Dörfer werden Schneisen für Pisten und Straßen geschlagen – Projekte, die wegen der Unwegsamkeit aber auch bald wieder eingestellt werden. Umgekehrt besitzt das Gold für die Indianer keinerlei Wert. Was sie interessiert, sind die Knochen ihrer Ahnen.[2] Nachdem Davi Kopenawa die Warenfetische der Weißen entsprechend beschrieben hat, spricht er vom Leiden des Waldes der Sprache seines Mythos. Diese macht weniger theologisch als ökonomisch und ökologisch Sinn. Entsprechende Äußerungen sind von den Cree-Indianern in Nordamerika, den Inuit und den Sami in der Arktis oder den Aborigines in Australien bekannt. Der Barbar als Kulturheld ist im emotionalen Haushalt der Moderne eine feste Größe.[3] Im Unterschied aber etwa zu den fiktiven Beschreibungen von nach Europa reisenden Afrikanern oder Südsee-Insulanern wie bei Hans Paasche oder Erich Scheuermann, stammen die Beschreibungen in diesem Buch von einem indigenen Schamanen selbst.[4] Der Co-Autor Bruce Albert gibt in seinem Postskriptum einen methodischen Überblick über die Entstehung des Textes aus aufgezeichneten Interviews. Andere Fremde Davi Kopenawa berichtet daher auch über andere Weiße, die er kennenlernt und die ihn unterstützen. Zunächst besucht er die großen Städte Brasiliens wie Manaus, Belém und São Paulo. Bald fliegt er aber auch zu Konferenzen nach London, Paris und New York, um über den Kampf seines Volkes gegen die Ausbeutung des Regenwaldes zu berichten. Die Sache ist nicht ungefährlich. Viele seiner Mitstreiter werden von Todesschwadronen im Auftrag der Großgrundbesitzer ermordet, wie Chico Mendes 1988. Aus der Innensicht des Schamanen ergeben sich überdies weitere Probleme. Seine Geister lieben das weite Reisen nicht. Und auch wenn er ähnlich wie im platonischen Mythos die Welt außerhalb seines Regenwaldes bereits auf Seelenreisen gesehen haben will, so zehrt doch der Kontakt mit den krankmachenden Schwaden der fremden Gegenstände an ihm. Es ist nicht zuletzt die fremde Nahrung, die ihn daran zweifeln lässt, im Wald überhaupt noch leben zu können. Davon wird im dritten Teil des Buches ausführlich berichtet. Kritik und Selbstkritik
Der Text liest sich
damit wie die ähnlichen Zeugnisse der Welt-Urbevölkerung – etwa des World
Council of Indigenous Peoples, das 1974 bis 1996 existierte oder der
Gesellschaft für bedrohte Völker in einem kritischen ethnologischen Kontext.
Festzuhalten ist der Impuls, dass sich diese Kulturen nicht etwa in der
Steinzeit befinden, sondern an der Moderne nicht nur partizipieren, sondern
diese auch erst ermöglichen.[5]
Yanomami ist darüber hinaus die Selbstbezeichnung für Menschen. Das hier
der Mensch genannt wird, muss allerdings nicht bedeuten, dass man zu einem
Anhänger der Philosophie von Martin Heidegger wird. Auch muss man kein Animist
werden oder pantheologische Verstiegenheiten der Ökologie- und Klimabewegung
nachbeten. Vielmehr gilt es, das Buch, das die beiden Autoren zusammenstellen,
nicht nur – wie es ansonsten beliebt geworden ist – unter utilitaristischen
Gesichtspunkten zu betrachten. Denn dem Text ist ein großer Apparat beigegeben,
der die Erzählungen des Schamanen mit positivistischen zu ergänzen sich bemüht.
Solche Verifizierung bleibt eine zweischneidige Methode. Sie nimmt den
vorgetragenen Argumenten und Erzählungen zugleich ihren Charakter als primäres
Zeugnis einer Weltsicht, die es nicht nötig hat, noch anderweitig gestützt zu
werden. Vielmehr zeigt sich anhand des Buches, dass sich die Grenzen zwischen
Dokumentation, Diskurs und Manifest bei dieser Textsorte verflüssigen. Trotz des
wissenschaftlichen Apparates, der diesen Text umgibt – wir finden drei lange,
pathetisch gehaltene Vorworte und zwei Nachworte sowie einen wissenschaftlichen
Anhang mit Indizes usw. – ist es doch hauptsächlich die poetische Kraft, die in
dieser Weltbeschreibung den Ton angibt und die sie interessant macht. Swingin‘ Davi. Von den Pforten der Erkenntnis und anderen Fetischen
Als ein poetischer
Entwurf aber enthält das Buch nicht nur viele Erkenntnisse der Ökologie; es
rührt so auch an die Grenzen der etablierten Wissenschaften und geht darüber
hinaus. Es ist, wie schon der Ethnologe Hans Peter Duerr wusste, damit ebenfalls
ein Beitrag zu den inneren Pforten der Erkenntnis und damit den entsprechenden
Versuchen von Charles Baudelaire mit Haschisch und von Aldous Huxleys mit
Mescalin verwandt. Hier wird also von einer Traumzeit und einer magischen und
organischen Technik berichtet.[6]
Viele Beschreibungen erinnern daher auch an die Bücher von Carlos Castaneda,
womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei Fake und Fiktion angekommen
sind.[7]
Phantastischer Realismus ist eine legitime Schreibform und kein Ausdruck der
Scharlatanerie, wie man zum Beispiel Karl May bei seinen Berichten aus Amerika
und dem Vorderen Orient vorgeworfen hat. Menschen essen? Magischer Realismus und poetischer Anthropophagismus
So ist der Text des
Buches von Davi Kopenawa und Bruce Albert angesiedelt zwischen einer seriösen
Arbeit nach den Richtlinien der Ethnologie, einem ökologischen und
antikapitalistischen Statement in der globalen Klimakrise, einem neopaganen
Pamphlet gegen das Christentum und einem surrealistischen Manifest. Nicht
zuletzt ist das Buch Wasser auf die Mühlen der Anhänger der brasilianischen
literarischen Anthropophagen-Bewegung von Osvaldo de Andrade von 1928. Der
Sturz des Himmels ist damit ein Buch, das auch den Exil-Brasilianern während
der Diktatur und bis heute als Tropicalismo nicht nur in der Literatur,
sondern auch in der Musik Auftrieb gibt.[8]
Hier geht es auch um den Menschenfressermythos, den bereits die frühen Reisenden
wie Hans von Staden und Michel de Montaigne beschrieben hatten, der nun
herumgedreht wird: Der unkolonialisierte Kannibale ist menschlicher als sein
westliches Gegenüber, das ihn mit seinen sogenannten »Werten« kolonialisieren
will und dabei doch ungenannt voraussetzt, sich nicht an die eigenen Regeln zu
halten. Auch Kopenawas und Alberts Buch ist voll von Berichten von
Schurkenmissionaren und korrupten Staatsbeamten, die sich an Frauen, Kindern und
dem Besitz der Schutzbefohlenen vergehen. »Das ist wahr!«, heißt es hier immer
wieder dazu. Von den etablierten Kirchen ist bekannt, dass es sich hierbei um
ein strukturelles Problem handelt. [1] Vgl. Napoleon A. Chagnon, Yanomamö. The fierce People. Holt, Rinehart and Winston, New York NY u. a. 1968. [2] »Erst später begriff ich, dass die Weißen ihre Ware behandeln wie Frauen, in die sie verliebt waren. Sie wollen sie lediglich an sich reißen und dann eifersüchtig überwachen. […] Wir, die Leute des Waldes, finden nur Gefallen daran, über großzügige Menschen zu sprechen.« [3] Vgl. z.B. Thomas Theye (Hg.), Wir und die Wilden. Einblicke in eine kannibalische Beziehung, Rowohlt: Reinbek 1985 und Bazon Brock, Der Barbar als Kulturheld, Köln: DuMont 2002. [4] Vgl. Hans Paasche, Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland (1912). Herausgegeben von Franziskus Hähnel, Hamburg 1921 und dem davon »inspirierten« Buch von Erich Scheurmann, Der Papalagi: Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea (1920), Zürich: Oesch-Verlag 2013. Siehe auch Thomas Steinfeld: »Heim auf die Insel. Das Samoa-Büchlein Der Papalagi von Erich Scheurmann bediente die Aussteiger-Träume der 68er-Generation – unter rassistischen Vorzeichen.« In: Süddeutsche Zeitung vom 7. Januar 2016, S. 12. [5] Vgl. dazu ausführlich Karl-Heinz Kohl, Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne, München: C. H. Beck 2024, https://www.glanzundelend.de/Red24/J-K/karl_heinz_kohl_neun_staemme.htm. [6] Vgl. Hans Peter Duerr, Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, Frankfurt am Main: Syndikat 1978; Charles Baudelaire, Die künstlichen Paradiese (1860), Berlin: Holzinger 2016; Aldous Huxley, Die Pforten der Wahrnehmung (1954) & Himmel und Hölle (1957), München: Piper 1970. [7] Vgl. Carlos Castaneda, Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens, Frankfurt am Main: März-Verlag, 1972. Siehe dagegen etwa Maurice de Guerin, Der Kentauer, Frankfurt am Main: Insel 1950 oder Jorge Luis Borges, Fiktionen. Erzählungen 1939-1944, Frankfurt am Main: Fischer 1992.
[8] Vgl.
Oswald de Andrade, »Anthropophages Manifest” (1928).
Artikel online seit 29.12.25 |
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