Home   Termine   Autoren   Literatur   Blutige Ernte   Quellen   Politik   Geschichte   Philosophie   Zeitkritik   Sachbuch   Bilderbuch   Filme   Töne   Preisrätsel   

Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik
Anzeige

Glanz&Elend
Die Zeitschrift kommt als
großformatiger Broschurband
in einer limitierten Auflage
von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

Ohne Versandkosten bestellen!
 

Bücher & Themen



Bücher-Charts l Verlage A-Z
Medien- & Literatur l Museen im Internet


Glanz & Elend empfiehlt:
50 Longseller mit Qualitätsgarantie

Jazz aus der Tube u.a. Sounds
Bücher, CDs, DVDs & Links


Andere Seiten
Quality Report Magazin für Produktkultur
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek
Joe Bauers
Flaneursalon
Gregor Keuschnig
Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.»



Seitwert


»Ich war nicht Präsident, um populär zu sein.«

Lothar Struck über das politische Vermächtnis des Václav Havel

Gegen Ende des Buches schreibt Václav Havel:

Und noch zu diesem Buch: Lange und mit Interesse beobachtete ich einen Fernsehredakteur, der immer einen Gast in seine publizistische Sendung zum Gespräch einlädt. Und die ganze Zeit sagt er zu ihm: Fassen Sie sich bitte kurz. Und ich sage mir die ganze Zeit: Warum hat er ihn eigentlich eingeladen, wenn er ihm keine zusammenhängende Aussage erlaubt? Diese Leute sind vielleicht zum ersten und letzten Mal im Leben im Fernsehen, reisen möglicherweise durch die ganze Republik an, um der Nation etwas über ihre lebenslange Arbeit oder eines ihrer wesentlichen Erlebnisse zu erzählen, und kaum sind sie angelangt, fängt jemand an, sie zurechtzuweisen, nicht zu lang zu sprechen, denn er muss das rechtzeitig beenden, damit irgendeine stupide Reklame gesendet werden kann.[…] Wie würde ich mit ihnen sympathisieren, wenn sie diesen Menschen bestraften, indem sie absichtlich redeten und redeten und redeten und sich von niemandem unterbrechen liessen, bis der Fernsehempfänger explodiert! […] Und so bestrafe ich den Herrn Redakteur in Vertretung dieser Unglücklichen dadurch, dass ich nach seinem Lieblingssatz dieses Buch benenne.

Die kleine Episode zeigt den anarchischen Humor Václav Havels, der gelegentlich auch in diesem Buch hervorblitzt. Und glücklicherweise nimmt er sich in diesen Gedanken und Erinnerungen die notwendige Zeit und Muße. Es ist eine Art politisches Vermächtnis. Eine Selbstvergewisserung all dessen, was von seiner Seite in den bewegenden Jahren des Umbruchs bis hinein ins Jahr 2003 getan und - manchmal ist das interessanter - auch unterlassen wurde.
Havel ist ein Mensch, der, das wird schnell deutlich, laufend von fast panischen Selbstzweifeln geplagt wird. Nie weiss er beispielsweise, ob er nicht nur aufgrund seines (lange zurückliegenden) Dissidentenstatus im Ausland Anerkennung findet. Man hat gelegentlich den Eindruck, jede noch so an den Haaren herbeigezogene Formulierung, die in der Öffentlichkeit gegen ihn vorgebracht wurde, stürzte ihn wenn nicht in Depression, so doch in selbstmitleidige Grübeleien. Er erzählt, einmal auf dem Computer im Scherz eine Visitenkarte entworfen zu haben, auf der stand: Václav Havel, Autor vieler Fehler und Irrtümer.
Und bereits am Anfang des Buches bekommen wir einen Einblick in seine geradezu physische Abneigung jeglichen Konfliktes gegenüber. Was ihn aber natürlich nicht davon abhält, seine Meinung immer und überall zu vertreten und auch – ganz im Wesen eines politischen Menschen – umzusetzen.

Im Laufe des Buches fragt sich der Leser immer mehr, warum Havel diese für ihn später dann fast untragbaren (auch gesundheitlichen) Strapazen auf sich genommen hat. Seine Antwort hierzu ist nicht monokausal. Sie basiert aber letztlich auf einem kantischen Pflichtgefühl nicht nur den Menschen gegenüber, sondern auch der in einem Menschenleben einmalig zu nennenden und unwiederkehrbaren Situation. Hatte doch vor allem Havel (aber nicht er alleine) jahrzehntelang für eine Demokratisierung seines Landes gekämpft, sogar im Gefängnis gesessen – da konnte man sich der Pflicht nicht mit fadenscheinigen Gründen entziehen. Im Gegensatz zur fast zur Folklore verkommenen Pflicht-Rhetorik beispielsweise deutscher Politiker ist Havels Postulierung allerdings unbedingt Glauben zu schenken.    
In Havels Buch intermittieren die für den internen Gebrauch gemachten Instruktionen an die engsten Mitarbeiter seiner Präsidialkanzlei (beginnend ab 1993; die vorherigen sind zunächst einmal verschollen) mit Fragen des tschechischen Journalisten Karel Hvížd'ala (der mit Havel schon 1986 das Interviewbuch Fernverhör gemacht hatte), die, das erfährt der Leser später, in schriftlicher Form eingereicht und auch schriftlich beantwortet bzw. gelegentlich umformuliert werden und kursiv gedruckten Tagebuchnotierungen aus dem Jahr 2005, einen längeren USA-Aufenthalt beschreibend und Hvížd'alas Fragen selbstreflexiv spiegelnd. Zwischen diesen unterschiedlichen Ebenen, die nicht chronologisch geordnet sind, sondern sachlichen Themengliederungen folgen, muss der Leser nun lavieren, was nicht immer einfach ist. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Havel genau dieses Collage-Prinzip (er nennt es selber so) gewollt hat, um ein bischen auch die ständigen Befindlichkeitsschwankungen aufzuzeigen.    
Wir erfahren aus den Instruktionen über Havels dichtgedrängten Terminkalender; seine Schwierigkeiten einem Perfektionismus geschuldet, zu allem und jedem Anlass die entsprechenden Reden selber schreiben zu wollen (er überlässt nur das Redigieren seinen Mitarbeitern – um sich dann oft genug über deren Vorschläge hinwegzusetzen); seine gesundheitlichen und privaten Probleme (die schwere Krankheit seiner ersten Frau) und – das sind dann die Momente des Schmunzeln – die kleinen Unwägbarkeiten und Kommunikationsprobleme in einem derart grossen Haus wie der "Burg", etwa seine Klagen über den Computer oder die hässlichen Telefone oder einfach nur einen zu kurzen Gartenschlauch in seinem Wochenendhaus.

Hvížd'alas Fragen nehmen auch die seit Jahren, teilweise Jahrzehnten kursierenden Vorwürfe gegenüber Havels Handlungen in der Zeit 1989-90 und/oder seiner Amtsführung (insbesondere was die Teilung der Tschechoslowakei angeht) auf, so dass man manchmal meint, Havel sei angeklagt. Es wird dabei auch schon einmal sehr detailliert auf innertschechische bzw. innertschechoslowakische Politik eingegangen; der mit diesen Details nicht vertraute Leser fühlt sich schnell ein bisschen überfordert, zumal es kein Glossar gibt, welche die zahlreich besprochenen Persönlichkeiten wenigstens kursorisch vorstellt.
Letzteres wird besonders vermisst, wenn Havel auf die Bemühungen eingeht, das Auseinanderfallen der Tschechoslowakei zu verhindern. Nüchtern stellt er im Rückblick fest, dass nicht nur der überbordende Nationalismus slowakischer Lokalpolitiker, sondern auch Arroganz und Verständnislosigkeit für kulturelle Differenzen von seiten der Tschechen zu dieser friedlichen Sezession führten. Havel konzidiert letztlich, dass der Willen zur Abspaltung stärker war als die Idee, in einem Staat zu verbleiben; beide Seiten hatten sich insgeheim bereits früh mit der Trennung arrangiert. Seine Erläuterungen hierzu und die Schilderung der Verblüffung grosser Teile der tschechischen Bevölkerung nach der vollzogenen Spaltung gehören zu den Höhepunkten dieses Buches. Nicht zuletzt, weil Havel den Vorgang nicht als Katastrophe schildert. Schliesslich konstatiert er, dass sich beide Völker vermutlich lange nicht mehr so gut verstanden haben wie im Moment.

Die präsidialen Notizen und auch Havels Antworten auf Hvížd'alas Fragen lassen erkennen, dass sehr schnell eine diffuse normative Kraft des Faktischen den anfänglichen Elan aufgezehrt hat. Früh sieht sich Havel nur noch als Objekt des Geschehens, nennt Politik widerlich und kämpft vehement dafür, wieder Subjekt zu werden. In gewissen Zyklen gelingt ihm das auch. Aber die Phasen reiner Freude sind – wenigstens, was die Aufzeichnungen angeht – rar. Am Ende ist er fast desinteressiert was das Amt angeht; mindestens jedoch desillusioniert. Das bedeutet natürlich nicht, dass er seine Pflichten nicht bis zum Schluss wahrnimmt – aber in der Rückschau liegt auch eine gehörige Portion Ernüchterung - und, das macht das Buch so ehrlich, auch Selbstkritik. 
Havels Tagebuchnotizen aus dem Jahr 2005 zeigen seinen Amerikanismus (den er selber zugibt) überdeutlich. Nicht nur sein Verhältnis zu Madelaine Albright ist ausgezeichnet, auch die Clintons bewundert er und macht aus seiner Sympathie für eine Präsidentschaftsbewerbung von Hillary Clinton keinen Hehl. Havel lernt in den Staaten eine grosse Anzahl politischer Köpfe aus allen politischen Lagern kennen.

Havel sieht – wie viele osteuropäische Intellektuelle - die USA historisch (im zurückliegenden Kalten Krieg) als Vorkämpfer und Garant der neuen Ordnung. Die USA war Bollwerk gegen den von ihm verhassten Kommunismus. Die USA haben mit ihrer Politik, so Havels unausgesprochenes Credo, den Kommunismus besiegt – und nicht Europa. Havel greift die Ostpolitik Europas respektive Deutschlands nicht direkt an; er erwähnt sie aber auch nicht. Eindeutig verurteilt er jedoch eine, wie er sich ausdrückt, Appeasement-Politik gegenüber diktatorischen Regimen.
In dieser durch die historischen Erfahrungen gereiften Affinität zu den USA liegt auch der Grund für Havels positive Beurteilung des NATO-Einsatzes gegen Jugoslawien 1999 und des Irak-Krieges der USA 2003. Freilich räumt Havel ein, dass die USA Im Irak fast alles falsch gemacht hätten, was man hat falsch machen können – aber die Intervention an sich hielt und hält er für richtig. Diese Haltung hat Havel vielerorts Kritik eingebracht. Und seine Argumentation ist auch nicht stringent, wenn er so oft von der Notwendigkeit spricht, dass die Überhebung des Westens in der Welt gegenüber anderen Staaten zu Ende gehen muss und den gleichmacherischen Zivilisationsdruck beklagt.

Seine globalisierungskritischen Äusserungen beziehen sich fast immer auf die ökonomische Globalisierung, die er scharf angreift (Mafia-Kapitalismus; der laut Havel praktizierte Marktdogmatismus sei eine Ideologie der Durchschnittlichkeit) – keinesfalls auf eine politische oder soziale. Hier ist Havel nicht nur Europäer (natürlich kein EU-Anhänger – die EU nennt er einmal amorphe Missgeburt), sondern Kosmopolit. Seine Äusserungen zur europäischen Zukunft (er befürwortet eher einen Bundesstaat und nicht diesen losen, bürokratisierten Staatenbund der Egoisten) sind sehr interessant. So spricht sich Havel beispielsweise für einen in den Mitgliedsstaaten gewählten europäischen Präsidenten aus, als symbolische Verkörperung ihrer Idee, ohne grosse Vollmachten. Er begründet das unter anderem damit, dass die EU aus lauter Kollektivorganen und zirkulierenden Funktionen bestehe – eine, wie er 1994 süffisant anmerkt, typische Erscheinung für Länder vor dem Zerfall (Jugoslawien). Havel schlägt ein Parlament mit zwei Kammern, eine 'Kammer des Volkes' […] und eine 'Kammer der Nationen' mit paritätischer Vertretung der Staaten wie im Senat der USA vor und die Kommission als ein rein fachliches Exekutivorgan ohne grosse politische Vollmachten, bei dem es nicht auf die Staatsangehörigkeit ankommt, sondern nur auf die Fachkenntnisse.

Seine weiteren Ideen gehen in Richtung einer Ideen-Charta für die EU und so etwas wie eine Verfassung, d. h. alle die Dokumente, nach denen sie sich richtet […] zu einem einzigen und allgemein verständlichen Text zu verbinden. Das, was heute gilt [1995], ist nur einer kleinen Gruppe von Experten verständlich. – Wenn man sich den zeitlichen Abstand dieser kursorisch entwickelten, aber äusserst klugen Vorschläge vergegenwärtigt und mit dem aktuellen Status quo vergleicht, dann erkennt man die Problematik der EU in ihrer ganzen Tragweite.

Das Buch birgt zahlreiche interessante Miniaturen dieser Art. Sei es über die Diskussion um das Mehrheitswahlrecht (Havel hat sich hier in seinem Land nicht durchsetzen können) oder die historische Einordnung bestimmter, auch bei uns bekannter tschechische Politiker (wie Alexander Dubček, den Havel ganz schön dekonstruiert und der aktuelle tschechische Präsident Václav Klaus, den Havel als mehr oder weniger rücksichtslosen, opportunistischen Karrieristen darstellt und mit dem ihn ein veritables Hassgefühl verbindet) oder sein Verhältnis zu seinem Freund Richard von Weizsäcker (sein Lehrer im Präsidentenamt) und seine Versuche gegen den tschechischen Mainstream die Versöhnung zwischen Tschechien und Deutschland voran zu bringen (er sieht sich dort eher gescheitert aufgrund der Säuerlinge auf beiden Seiten; interessant am Rande die Formulierung Abschub für das von Deutschen verwendete Wort Vertreibung [Havel bezeichnet es selbst als unsinnig – benutzt es aber immer]). Oder über das bei uns sehr wenig bekannte und unterschätzte aber sehr wichtige Prozedere der Auflösung des Warschauer Pakts (rückwirkend erklärt Havel das zu seinem politischen Meisterstück), das sehr packend beschrieben wird oder Havels Gedanken zur Postdemokratie, einer Art Aufbruch aus den erstarrten, ausschliesslich institutionell agierenden Parteiendemokratien, hin zu einer offenen Zivilgesellschaft und zu einer Wiederherstellung überschaubarer menschlicher Gemeinschaften als Quelle der menschlichen Solidarität und Selbstkontrolle.

Und dann die Ambivalenz des Havelschen Denkens, wenn er die Massnahme verteidigt, über den Beitritt Tschechiens nur NATO keine Volksbefragung durchzuführen: Die Sicherheit des Landes durch Verträge sicherzustellen, ist eine Aufgabe der Politiker, die aus ihrem Mandat hervorgeht, und wenn sie das nicht zum Schaden ihres Landes tun, was hier nachweislich nicht der Fall war, wäre die Abhaltung eines Referendums ein In-Zweifel-Ziehen des Mandats der demokratisch gewählten Vertretung des Staates oder eine Äusserung des Misstrauens ihm gegenüber gewesen. Havel akzeptiert hier einzig die Möglichkeit für Neuwahlen. Ein Referendum komme nicht infrage, denn es geht hier nämlich nicht um ein kontroverses Thema, über das die Ansichten verschieden sein können, […] sondern um ein Prinzip, nämlich um das Recht des Staates, seine Unabhängigkeit vertraglich auf die Weise zu schützen, die er für die beste hält. Umgekehrt könnte man auch argumentieren, dass gerade diese Form grundlegender Prinzipien eines Staates einer gewissen Legitimation durch das Volk bedürften. Und hier zeigt sich dann die Schwäche der schriftlichen Fragestellung: Gerade diese sehr interessanten Thesen Havels werden nicht weiter befragt und ausgeführt.
Da hätte man sich mehr gewünscht. Denn Václav Havels politische Theorien gehen – bei aller Kontroversität – weit über das Tellerranddenken der von ihm so geschmähten Parteipolitiker hinaus. Havels Verständnis von Politik und einer kontinuierlichen Entwicklung politischer und gesellschaftlicher Arbeit ist und bleibt emphatisch. Sein Widerwillen gegen das graue, alltägliche Administrieren ist elementar – nicht zuletzt deswegen, weil sich Politik dann immer mehr vom Bürger entfernt und zu antidemokratischen und antiparlamentarischen Affekten führt. 

Havel war nie ein Opportunist – und das sollte eigentlich eine Kardinaltugend politischer Eliten sein. Er war ein freier Geist. Und das ist selten genug heutzutage. Lothar Struck
 







Václav Havel
Fassen Sie sich bitte kurz
Rowohlt
416 Seiten
€ 19,90


 


Glanz & Elend
- Magazin für Literatur und Zeitkritik

Home   Termine   Literatur   Blutige Ernte   Sachbuch   Politik   Geschichte   Philosophie   Zeitkritik   Bilderbuch   Comics   Filme   Preisrätsel   Das Beste