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Es hat sie wohl gegeben und sie sind tatsächlich über weite Strecken und Zeiträume mit Kind und Kegel gewandert: Die Rede ist von den Goten und den Wandalen, Alanen, Herulern sowie den sonstigen Ethnien aus der großen Völkerküche zwischen Rhein, Weichsel, Djnestr und Donau. Auch Plünderungen, Zerstörungen und Dezimierung waren damals keine Ausnahme. In seinem Buch über die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung lässt der Brite Peter Heather das konventionelle Bild einer gewaltsamen Landnahme auf dem Gebiet des Weströmischen Reiches wieder aufleben. Das scheint bitter nötig. Denn entgegen der landläufigen Vorstellung von der Völkerwanderung und dem gewaltsamen Untergang des Weströmischen Reiches hat sich zuletzt in der Forschung ein ganz anderes Bild dieser Epoche zwischen Spätantike und Hochmittelalter etabliert. Offenbar ist es in der wissenschaftlichen Zunft schon verpönt, überhaupt von einer „Migration“ in der Spätantike zu sprechen. Vollkommen aber machten sich Wissenschaftler unmöglich, die gar noch von einer Invasion zu sprechen wagen. Angeblich erlaubten die archäologischen Befunde es nicht, überhaupt von großen Massenbewegungen zu sprechen und die antiken Autoren wie Ammian oder Prokop, die von großen Germanentrecks berichteten, übertrieben schlicht oder logen einfach. Nach herrschender Meinung sei das Weströmische Reich vielmehr durch einen permanenten Kulturaustausch und den Zustrom kleinerer Gruppen aus den barbarischen Randgebieten des Imperiums allmählich transformiert worden. Auch innere Wandlungsprozesse hätten eine erhebliche Rolle gespielt. Ein Schelm, wer Übles dabei denkt: So wie man für die nahe Zukunft einen Kampf der Kulturen vehement ausschließen will – die Parallelen liegen ja für jeden auf der Hand - behaupten vor allem britische Wissenschaftler allen Ernstes, die so genannte Völkerwanderung und der Untergang des größten Imperiums, das je in Europa bestanden hat, sei in Wahrheit eine Art Kuschelveranstaltung gewesen. Es habe lediglich ein paar Verschiebungen der Autochthonen gegeben, vielleicht hier und da auch einige kleinere Dezimierungen verbunden dann und wann mit einem Elitentausch. Als Resultat dieses Prozesses sei es schließlich zu einer allgemeinen Angleichung der Lebensverhältnisse diesseits und jenseits von Rhein und Donau gekommen und einem nachhaltigen Abflauen von Wanderungsbewegungen erst nach dem Jahrtausendwechsel. Demgegenüber lässt nun Peter Heather, Professor für mittelalterliche Geschichte am Londoner Kings College, das klassische Bild der Völkerwanderung wiederaufleben, versucht dabei aber gleichwohl neue Farbschichten aufzutragen: So habe es jene Völker, die im Verlauf des 5. Jahrhunderts in den Kerngebieten Westroms ihre neuen Königreiche etablierten, ein Jahrhundert zuvor noch gar nicht gegeben. Erst in Toulouse sei aus den terwingischen Gruppen die westgotische Nation entstanden und gleiches ließe sich über die verschiedenen greutungischen Gruppen sagen, die der Amalerfürst Theoderich gegen Ende des 5. Jahrhunderts nach Italien führte. Das beliebte Billardkugelmodell von einer ethnischen und kulturellen Konstanz geschlossen wandernder Gruppen, von der noch das nationalistisch geprägte 19.Jahrhundert ausging, sei allerdings kaum aufrecht zu erhalten. Vielmehr habe es, so Heather, immer wieder neue Zusammenschlüsse verschiedenster Gruppen unter bestimmten Anführern gegeben und so seien letztlich durch Zufall erst jene beiden Völker (Ost- und Westgoten) entstanden, welche die Getica des Jordanes im 6. Jahrhundert bis in die Vorzeit projektiert hat. Analoges ließe sich über Langobarden, Burgunder und Wandalen sagen. Besser würde man daher von einem Schnellballmodell sprechen, also von einer permanenten Transformation ethnischer Gruppen, die sich mit Frauen und Kindern durch das Vorland und schließlich durch das Kerngebiet des Weströmischen Reiches bewegten, neue Gruppen aufnahmen und andere zurückließen. Dieses Bild erscheint durchaus plausibel, doch ist der Befund auch nicht unbedingt neu. Heathers Thesen finden sich zum Teil schon in wesentlich lesbarerer Form in der brillanten Gotengeschichte des Wiener Emeritus Wolfram Herwig. Demnach war auch der so genannte Westgote Alaricus nur der Anführer einer wurzellosen Horde von Abenteurern, die sich einen neuen und lukrativen Lebensraum im Westreich erhofften. Vor einer Verabsolutierung der Formbarkeit germanischer Ethnien auf römischen Boden sei allerdings gewarnt. Sie erscheint eher als die ideologische Imagination einer konstruktivistisch gewandelten Historiografie, die jede Selbsterfindung für denkbar hält. Doch es muss einen kulturell-ideologischen Kern gegeben haben, der Goten und Franken davon abgehalten hat, schließlich Römer zu werden, so wie es unzählige andere Ethnien vor ihnen schon geworden waren. Vielleicht war es jene frühe Prägung, die umgekehrt den von dem griechischen Historiker Priscus erwähnten ehemaligen römischen Kaufmann aus dem untergegangenen Viminacium daran hinderte, ein echter Hunne zu werden, obwohl er deren Sprache übernommen und sogar eine hunnische Frau geheiratet hatte. Er nutzte gleich die erste Gelegenheit, mit einem ehemaligen Landsmann in seiner Muttersprache zu reden. Das multiethnische Hunnenreich mit seinen geliehenen Identitäten verfiel dann auch sehr rasch nach dem Tode Attilas. Heathers Buch ist wahrlich
keine konventionelle Narration der so genannten Völkerwanderungszeit, die er mit
der Sesshaftwerdung der Ungarn ausklingen lässt, sondern eher eine elargierte
Auseinandersetzung mit aktuellen Forschungspositionen, die dem Leser viel
Stehvermögen abverlangt. Auch über die Grunddaten der Völkerwanderung sollte man
schon Bescheid wissen, da sie Heather nur am Rande erwähnt. Darf man nun den
Verlag rügen, dass er mit Titel und Aufmachung durchaus den Eindruck erweckt
hat, ein konzises Panorama einer bewegten Epoche aus angelsächsischer Feder zu
präsentieren, von dem eine breite Leserschaft angesprochen werden könnte? Es
wäre auf dem Buchmarkt nicht der erste vergleichbare Fall.
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Peter Heather |
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