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Hahn, Pfau, Hase, Gans.

Hegels Verständnis der Malerei als Ausdruck eines bürgerlichen Selbstbewusstseins

Von Wolfgang Bock
 

Logik und Phantasie
Georg Wilhelm Friedrich Hegel gilt vielen als verknöcherter Logiker, dessen Schriften am Leben vorbeigehen und bei den Leserinnen und Lesern während der Lektüre vor allem Müdigkeit verursachen. Der Jenenser Philosoph Klaus Vieweg beschäftigt sich in einer kleinen, aber feinen Studie mit Hegel Kunsttheorie und seiner Vorliebe für die holländische Malerei. Bereits Hegels Biograf Karl Rosenkranz hatte frühzeitig auf die Unrichtigkeit der Legende über Hegel als dürren abstrakten Logiker ohne Sinn für die Werke der Phantasie hingewiesen. In Wirklichkeit gibt Hegel in seiner Ästhetik den Grundimpuls zu einer Wiederentdeckung der niederländischen Malschule des 17. Jahrhunderts. Dieser geht von seiner Kunstphilosophie aus, in der Landschafts- und Genremalerei als Muster moderner Kunst eingeschätzt werden. Hegel betont gerade die Freiheit des niederländischen frühbürgerlichen Stils. Vieweg fragt: Welche Kunstwerke hatte er dabei vor Augen?

Hegel und die Kunstgeschichte
Vieweg weist ebenfalls darauf hin, dass Hegel als Initiator der Berliner Schule der Kunstgeschichte um die Protagonisten Gustav Friedrich Waagen (1794–1808), Franz Kugler (1808–1858), Carl Schnaase (1798–1857) und Heinrich Gustav Hotho (1802–1873) in Erscheinung getreten ist. Diese Generation begründet in Deutschland die akademische Disziplin der Kunstgeschichte als Wissenschaft und bestückt die Museen und Sammlungen Berlins entsprechend. Im Hintergrund steht hier allgemein Hegels Philosophie der Kunst und im Besonderen dessen Ästhetik der Malerei. So gibt Gustav Hotho 1835–1838 Hegels Vorlesungen über die Ästhetik heraus. Hegel geht es dabei um den Begriff der Schönheit und der Idee des Schönen aus dem platonischen und aristotelischen Verständnis einer Mimesis. Bei Aristoteles handelt es sich dabei bekanntlich nicht um eine Nachahmung der äußeren Natur, sondern um eine Neuschöpfung als Darstellung einer zweiten Natur im Sinne des menschlich Wichtigen. Entsprechend schätzt Hegel das Kunstschöne höher als das Naturschöne ein.1 In seinen drei historischen Durchgangsstufen der Kunst durch die symbolische altorientalische Phase, die klassische Form der Griechen und die romantische Kunst des Christentums und der Neuzeit konstatiert Hegel in der Moderne allerdings auch einen eingeschränkten Einfluss der Ästhetik – das berühmte „Ende der Kunst“. Vieweg weist darauf hin, dass es hier, ähnlich wie bereits in Kants Formel von dem Kunsturteil als einem „interesselosen Wohlgefallen“ aus der Kritik der Urteilskraft viele Missverständnisse existieren. Vieweg betont dagegen den Übergang von Hegels Impuls aus der Kunst zu einem allgemeinen wissenschaftlichen Geist der politischen Freiheit und damit dem Selbstbewusstsein des sich selbst reflektierenden und sich ausdrückenden Geistes.

Für eine romantische Moderne
Hegel (1770–1831) lebte von 1807 bis 1816 in Bamberg und Nürnberg. Er war vor Ort bekannt mit verschiedenen, Sammlern, Kunsthändlern und Kunsthistorikern, die auch zu den ersten Hörern seiner Vorlesungen zur Ästhetik gehörten. In Franken beeindruckte ihn, wie Vieweg rekonstruiert vor allem die Gemäldegalerie des Schlosses Weißenstein in dem Ort Pommersfelden bei Nürnberg. Das war eine der bedeutendsten deutschen Sammlung ihrer Zeit. Hier fanden sich unter anderem Gemälde von Rubens, van Dyke, Correggio, Dürer, Cranach, Tizian, Honthorst, Potter und einer Madonna aus der Schule Raffaels oder Leonardos. Später reist Hegel der Gemälde wegen auch nach München, Paris oder Amsterdam. Anders als seine romantischen Kollegen Ludwig Tieck, Wilhelm Heinrich Wackenroder oder der späte Friedrich Schlegel, die in den christlichen Motiven der Malerei des Mittelalters und der Romantik die Apotheose der Malerei erblickten, liebte Hegel vor allem die weltlichen Genregemälde. Er bevorzugte die Darstellung von Blumen, Tierstücken, Landschaften und künstlerische Verbindung der alltäglichen Tätigkeiten der Bauern und des Städtelebens. Diese bildete für ihn den Ausdruck der bürgerlichen Autonomie und der Vorliebe für das Besondere in der Darstellung der Welt. Hier zeigte sich für ihn eine notwendige Trennung zwischen Religion und Kunst, auf die die bürgerliche Gesellschaft angewiesen war, wollte sie nicht in die feudale Regression des Mittelalters zurückfallen. Hegel lobt dabei das vermeintlich Unbedeutende und scheinbar Belanglose, als dasjenige, dass höchste Tiefe und reines Gefallen an den Gegenständen bewirkten. Bestimmt ist für ihn in dieser Hinsicht die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Deren Rehabilitation geht in einem zweiten Schritt mit der Hochschätzung des früheren französischen Impressionismus und den Motiven der alltäglichen Welt bei Degas, Monet oder Manet etwa einher. Der Philosoph schärft diese Weise die Begriffe seiner Schüler. Er steht damit auf der gleichen Linie wie der spätere Émile Zola (1840-1902), der die französischen Impressionisten in diesem Sinne lobt: Ihre Werke seien lebendig, weil sie dem Leben entnommen und mit all der Liebe und Hingabe gemalt haben, die sie für moderne Themen empfinden, führt Vieweg aus. Das sei beide Male ein Plädoyer für eine Säkularisierung der Kunst und eine ästhetische Tiefe jenseits der Religion.

Begriff, Bild und Motiv
In seiner Studie rapportiert Vieweg die Bedeutung Hegels als Gründervater der modernen Kunstgeschichte in elf kurzen Kapiteln. Er geht dabei doppelt vor. Einerseits zeigt er den Zugang Hegels zu den Kunstwerken in Bezug zu dessen Biografie, andererseits weist er auf den Niederschlag des Gesehenen in Hegels Ästhetik hin. Das gilt nicht nur für die entwickelten Motive wie Genrebilder und Alltagsszenen oder die angewandten künstlerischen Mittel wie Lichtführung, Glanzdarstellung und Stimmungsbilder in der Natur, die mit Motiven aus der Musik und Poesie eingeführt werden. Es gilt vor allen Dingen für die damit verbundene säkulare Darstellung eines selbstbewussten bürgerlichen Lebens. Es entwickelt sich an einer Befreiung von der beherrschenden Religion in eine bürgerliche Autonomie, die sich durch die Französische Revolution selbstbewusst in Richtung Freiheit bewegt. Vieweg erläutert dabei die Grundierung von Hegels Hochschätzung der Kunst in seiner Philosophie des Begriffs. Dieser gelangt sich selbst reflektierend zu Unabhängigkeit und Freiheit. Dem Buch ist ein Bildteil beigegeben, anhand dessen die Leserin und der Leser die entsprechenden Urteile nachvollziehen können.

Hochschätzung der modernen Kunst
Hegel schätzt an der niederländischen Kunst, dass diese die letzte Stufe des Geistes an sich und für sich bildet. Die moderne Kunst ist für ihn vor allem eine freie Kunst. Hegels Begriff des Kunstschönen umfasst das Ideal als solches, das Kunstwerk und die Hervorbringung der Subjektivität des Künstlers. Das geschieht unter dem Zeichen der Freiheit und ist paradigmatisch festgehalten im Prinzip der niederländischen Malerei. Hegel unterscheidet hier eine frühere und eine späte Phase. Darin wirke das ideale Prinzip und das des Nachahmens zwischen äußerer und innerer Natur. Das Besondere bilde die Sphäre der freien Subjektivität, ihr Inhalt wird sinnlich vergegenwärtigt und die Welt tritt hinüber ins Menschliche. Das zeigt sich an der Portraitkunst an der Genremalerei und der Landschaft auch in der Handhabung der farblichen Mittel.

Dafür beruft sich Hegel, wie Vieweg zeigt, auf entsprechende von ihm übersetzte Texte von Denis Diderot und Gerard Dou. Ähnlich äußert sich auch Charles Bérnard, Hegels erster Übersetzer von dessen Ästhetik ins Französische, der ebenfalls das profane Gemälde gegenüber dem religiösen bevorzugt. Die Gegenpole bilden hier das Jüngste Gericht und ein Blumenstrauß. Die malerische Meisterschaft erscheint in der Darstellung des Scheins sowohl der Metalle als auch des Weines im Glas.2 Die Entdeckung der Landschaft im 17. Jahrhundert führt in Holland zu einer Revolution der Landschaftsmalerei. Hier findet sich eine bürgerliche Gemütsstimmung. Ähnliches gilt für die ruhige Tiefe des Meeres oder auch die sturmgepeitschten Wellen der Seestücke. Hegel liegt besonders Felsdarstellung im Mondschein Nachtstücke und die Behandlung des Mondlichtes, auch Morgen und Abendlandschaften. Vermeintlich nebensächliche Dinge haben einen Auftritt als Form des absoluten Geistes. So werden sie neuerlich repräsentiert, es sind wie erwähnt nur vermeintlich unbedeutende Naturobjekte. Darin war Hegel sich mit Goethe einig, dass hier ein Wendepunkt der Malerei als Bewunderung und Erfassung des flüchtigen des Augenblicks stattfand. Die Zeit wird eingefroren. Was der Mensch tut, wird wichtig. In diesem Sinne steht die neue Darstellung von Frauen, Männern, von Pflanzen und Früchten, der Zauber des Lichtes, insbesondere in der Nacht, die Darstellung von Tieren – Hahn, Pfau, Hase, Gans. Dazu Bauernstücke vom Leben auf dem Lande, aber auch städtische Szenen, bürgerliche Berufe und alltägliche Tätigkeiten: ein niederländischer Bäcker bläst in sein Horn zum Zeichen, dass sein Brot fertig ist. Fischer, Marktschreier, Weber, Raucher, Zahnzieher, selbst Bettler haben eine bestimmte Würde. In alldem erblickt Hegel ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein, das sich in der Portraitkunst ebenso einen Ausdruck verschafft wie in Rembrandts Nachtwache, in Zeichnung von Bürgermeistern und Rathäusern, in allegorischer Darstellung von Frieden und Gerechtigkeit oder in offen revolutionären Motiven wie Anton Kochs Werk Der Schwur der 1500 Republikaner bei Monte Nesimo.

Das Detail und die bürgerliche Emanzipation
Bei den niederländischen Malern wird die vormalige Nebensache nun zur Hauptsache. Der Hintergrund solcher Aufwertung des Einzelnen findet sich auch in der bekannten Hochschätzung Hegels für die Komödie gegenüber der Tragödie. Er sieht darin den wahren Humor, der als selbstironischer als Ausdruck einer freien Subjektivität über sich hinausgelangt. Allerdings sehen Hegel und Goethe, der ihm in Fragen der Malerei sehr nahesteht, hier auch die Gefahr eines Absinkens in Banalität, Trivialität und Sentimentalität. In der Literatur stehen dagegen Shakespeare, Cervantes und Sterne. Hegel bricht eine Lanze für die moderne und autonome Kunst als Ausdruck des bürgerlichen Selbstbewusstseins.

Die Berliner Kunsthistorische Schule
Die genannten Begründer der Berliner Schule der Kunstgeschichte, die sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert rund um die Universität Berlin entwickelte, ist also stark mit dem Namen Hegel verbunden. Sie war besonders wichtig für die Entwicklung der modernen Kunstwissenschaft nicht allein im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Frankreich und in England. Für die eingemeindet britischen Kunsthistoriker aus der Warburg-Schule wie Ernst Gombrich und Edgar Wind zählen nicht allein Kant, sondern vor allem Hegel zu den Gründervätern der Kunstgeschichte und damit das Feld der Kunst als Möglichkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis.3 Das ist kein Wunder, denn die beiden sind österreichische und russisch-deutsche Emigranten.

Karl Schnaase (der 1829 in Düsseldorf und ab 1848 in Berlin wirkte) mit seiner Schrift Niederländische Briefe von 1834, Franz Kugler (ebenfalls ab 1843 in Berlin) mit dem Handbuch der Geschichte der Malerei in Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Frankreich und England von 1837 und Heinrich Gustav Hotho mit seiner Geschichte der deutschen und niederländischen Malerei von 1842 belegen dann eindrucksvoll die Wirkmächtigkeit von Hegels Philosophie der Kunst im 19. Jahrhundert.

Resümee
Am Ende gibt Vieweg nochmals ein Resümee. Für Hegel bilden sich die Autonomie der Kunst und der Kunstgeschichte an einer säkularen Darstellung. Die Bilder stammen nicht mehr vom Altar, sondern wandern die Galerien und in das Museum und ihre Interpretation sind entfaltete Dimensionen der Werke selbst. Der scheinbar endliche Gegenstand wird damit Form und Inhalt einer neuen Gestalt und einer neuen Seele. Dargestellt wird das menschliche Leben in seiner Ganzheit. Auf diese Weise verwahrt man sich gegen die einfache platte Nachahmung der Natur. Auch werden in der Beschreibung die Gemälde mit Musik und Poesie in Verbindung gebracht. Das Dargestellte als Dokument bekommt eine neue Bedeutung. Das gilt sowohl für die Landschaften vor der Erfindung der Fotografie als auch neuerlich für eine Naturbeschreibung:

»Wir sehen einen Baumstamm mit einigen Zweigen hart an einer Rosenhecke, voll blühender Rosen, dort haben zwei Stieglitze ihr Nest. Eine Maus mit schlauem Auge greift das Nest an, auch eine Eidechse kriecht empor, eine Natter mit spitzer Zunge stellt sich entgegen. Die andere Maus will der raubenden Gespielin den Rückzug sichern, ein phlegmatischer Frosch quakt den Angegriffenen Trost zu. Eine Hummel saugt Nektar aus einer Blume, Schmetterlinge fliegen.« (S. 77)

Hier fühlt sich der Rezensent an die Aufgaben einer Bildbeschreibung im Deutschunterricht des Gymnasiums erinnert. Hätte er damals schon Viewegs kleines blaues Buch zur Hand gehabt, so hätte ihm das vieles erspart und anderes erleichtert.

1 Hegel nennt in den Vorlesungen in diesem Zusammenhang drei Bestimmungen: „1. Das Kunstwerk sey kein Naturprodukt, sondern durch menschliche Thätigkeit zu Wege gebracht; 2. sey es wesentlich für den Menschen gemacht, und zwar für den Sinn desselben mehr oder weniger aus dem Sinnlichen entnommen; 3. habe es einen Zweck in sich." (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesung über die Ästhetik, herausgegeben von H. G. Hotho, Stuttgart 3 1953, S. 50) und: „In dieser Weise ist das Sinnliche in der Kunst vergeistigt, da das Geistige in ihr als versinnlicht erscheint."4 (ebd., S. 68)

2 „Der Inhalt der Darstellung kommt aus der Gegenwart des eigenen Lebens, in welchem sie alles ihrer eigenen Tätigkeit verdanken, auf der Grundlage selbst erhobener politischer und religiöser Freiheit – die geistige Heiterkeit eines berechtigten Genusses, die aufgeweckte geistige Freiheit und Lebendigkeit präge die höhere Seele dieser Gemälde.“

3 Vgl. Ernst H. Gombrich, The Father of Art History. A Reading of the Lectures on Aesthetics of G. W. F. Hegel, in: Tributes. Interpreters of Our Cultural Tradition, Oxford/Ithaca 1984, S. 51–69 und Edgar Wind, Kunst und Anarchie. The Reid Lectures (1963), Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979, S. 18-19.

Artikel online seit 06.06.26
 

Klaus Vieweg
Hegels Ästhetik der Malerei

Die niederländische Landschafts- und Genremalerei des 17. Jahrhunderts

Felix Meiner Verlag
152 Seiten mit 25 farbigen Abbildungen
22,90 €
978-3-7873-4916-6

 


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