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Alles wird gut

Von Paula Putrida

 

In meiner Kölner Zeit bewohnte ich das Parterre einer etwas erschöpften Klettenberger Altbauwohnung, zusammen mit M, einem Psychologiestudenten, der seine Angststörungen pflegte wie andere Zimmerpflanzen: mit viel Aufmerksamkeit, gelegentlicher Panik und erstaunlicher Ausdauer. Ich selbst war ein paar Jahre älter, bereits im Promotionssumpf über magisches Denken versunken – vielleicht fühlte ich mich deshalb verpflichtet, die Gedanken meines Mitbewohners in zivilisiertere Bahnen zu lenken.

Abends saßen wir häufig auf unserer kleinen Terrasse, die nach mediterraner Leichtigkeit aussah, aber nach deutschem Bier roch, und redeten über das Leben, die Liebe und den unvermeidlichen Zerfall der Weltordnung. Manchmal begannen wir auch mit harmlosen Themen – wie an jenem lauen Sommerabend, an dem wir eine Playlist für die ideale Party zusammenstellen wollten. Doch M schob plötzlich den Laptop beiseite und eröffnete mir mit großer Ernsthaftigkeit, er besitze noch eine ganz andere Hitliste: die Top Ten seiner Sorgen.

Platz 1, sagte er, gehöre dem Albtraum unserer Zivilisation: der Parkplatzsuche. Er beschrieb sie wie einen dystopischen Spielfilm: Er selbst im Auto, schwitzend, die Klimaanlage röchelnd, Köln überfüllt bis zum letzten Gullideckel, Grönemeyer brüllt Mambo, und jede freie Lücke wird ihm von einer Art Parkplatz-Mafia vor der Nase weggezaubert. Am Ende: Verzweiflung, Halteverbot, Abschleppdienst, Prügelei, Revolution, Weltkrieg. Ich nickte ernst, verschwieg aber, dass sein Auto seit Monaten unbewegt unter unserem Fenster stand – vermutlich im Schockzustand.

Platz 2: Den Zug verpassen. Bei M begann das Drama bereits drei Stunden vor Abfahrt. Er sah sich hetzen, schwitzen, packen, entpacken, wieder packen, schließlich 40 Minuten zu früh am Bahnhof eintreffen – nur um festzustellen, dass der Zug ausfällt. Er sah sich eskalieren, Bahnmitarbeiter beschimpfen, Unruhen auslösen, das Abendland in die Knie zwingen. M war in der Lage, aus einem verspäteten Regionalexpress den geopolitischen Super-GAU zu konstruieren.

Platz 3: Alle beobachten ihn. Und zwar wirklich alle: der Mann im Auto, die Frau im Supermarkt, tote Menschen, die unsichtbar durchs Haus huschen und angeblich jeden Pups registrieren. M referierte ausführlich über die Grenzen der Privatheit. Er sei überzeugt, in einem der Nachbarhäuser sitze gerade einer mit seinem Fernstecher und versuche einen Blick in unser Bad zu erhaschen, oder ins Schlafzimmer, oder das Klo. Und dann dieses Internet. Auch da werde er ständig beobachtet. Wenn er den Computer anschalte, um eine Hausarbeit zu schreiben, habe sich sicher wieder einer in diese Maschine reingehackt und spioniere ihm nach, schaue, was er so treibe mit dem Rechner. Das mache ihn unglaublich wütend. Wenn die Leute ihn immer beobachteten. Warum eigentlich immer ihn? Und nie die anderen? Er könne kotzen, remple dann den ersten Typen an, dem er anschließend begegne und schreie ihm ins Gesicht, er solle gefälligst einen anderen Dummen beobachten, aber nicht ihn. Wieder folgten Randale und soziale Konflikte.

Platz 4: Verhaftung ohne Grund. Die Polizei vor der Tür, während auf Spotify Ice Cube Arrest the President singt. M konnte aus jeder Alltagsszene einen literarisch sorgfältig komponierten Untergang formen. Es fühle sich an, sagte er, wie in einem Kafka-Roman. Nur dass das alles echt sei.

»Kafka, ja«, stimmte ich seinen Ausführungen bedeutungsvoll zu. »Aber echt?«, dachte ich, sagte das aber nicht.

Er beteuere, fuhr M fort, gegenüber dem Polizisten, dass er nicht ganz verstehe, was er von ihm möchte. Es kommt zu Missverständnissen. »Mir reicht es«, brachte M aufgebracht hervor: »Ich haue ihm mit aller Wucht meine Faust in die Fresse. Das Blut spritzt nur so aus seinem Mund. Dann schnappe ich mir seine Waffe und schieße das Magazin leer. Der Bulle ist komplett durchlöchert und klappt vor meiner Tür zusammen. In der Ferne höre ich bereits die Sirenen. Sie kündigen den nächsten Weltkrieg an.«

Platz 5: Schimmel, der natürliche Endgegner jedes deutschen Mietverhältnisses. M zitierte mit Pathos aus dem Brockhaus über tödliche Pilzsporen und war überzeugt, unser Altbau sei bereits der »Ground Zero« einer globalen Schimmelkatastrophe, die nur auf den passenden Feuchtigkeitsgrad wartete: »Die Wand ist schon schimmelig. Es riecht nach Moder. Irgendwo ist etwas undicht. Und niemand weiß, wieso. Vermutlich ein Riss im Beton, der sich durchs Gebälk und das Wohnzimmer frisst. Ein Riss, der von unserer Wohnung ausgehend durch die ganze Welt verläuft. Und jetzt tröpfelt Wasser hindurch. Seit langem schon. Aber niemand hat es bemerkt. Doch nun zeigt sich der hässliche Schimmel, Sporen, die jeden Mikrobiologen erfreuen würden. Ich bin kein Mikrobiologe. Ich will Trockenheit, Sauberkeit, Gesundheit. Ich traue mich nicht einmal, den Brockhaus-Artikel über Schimmelpilze zu lesen, mache es nach einiger Zeit dennoch. Da steht: »Unerwünschte Folgen können in erheblicher Geruchsbelästigung, in allergischen Reaktionen und in (eventuell tödlichen) Vergiftungen bestehen. Im Extremfall befallen und zerstören Schimmelpilze (vor allem Aspergillus fumigatus, aber seit Beginn des 21. Jahrhunderts auch seltenere Pilze wie Zygomyceten und Fusarien Körpergewebe mit tödlichem Ausgang.« Und dann sage ich mir: Ich habe es immer schon gewusst. Warum glaubt mir niemand? Wer ist schuld, dass es in der Wohnung so feucht ist und sich der Drecksschimmel überall durchfrisst? Der Bauherr? Der Handwerker? Der Vermieter? Am Ende gar ich selbst? In meiner unbändigen Wut auf den namenlosen Schuldigen schlage ich mit dem Vorschlaghammer auf die Wand ein. Da beschweren sich Mitbewohner und Nachbar. Es ist der Beginn eines wunderbaren Weltkrieges.«

Allmählich fand ich Gefallen an den Sorgen von M und wollte mehr hören, betonte jedoch, dass ich mir zu dieser Sorge sehr gut Iron Maidens Fear of the dark vorstellen könne. Er war einverstanden und kam zum nächsten Punkt:

»Platz 6.« Es sei viel zu voll. Immer und überall sei es zu voll: »Was wollen die vielen Menschen dort, wo ich gerade bin? Haben die kein Zuhause?«, frage er sich dann immer. In der Straßenbahn, auf dem Wochenmarkt, selbst im Stadion und auf der Autobahn seien Menschen unterwegs. »Und fressen und saufen und tratschen und labern und rasen und gehen mir auf die Nerven. Ich will doch nur meine Ruhe. Verstehen die das denn nicht? Ich denke mir, wenn ich einen Wunsch hätte, dann würde ich mir wünschen, dass ich allein durch meine Gedanken jemanden töten könnte. Schwups, fällt wieder einer um, und noch einer. Keiner weiß, warum. Nur ich weiß es. Es wird leerer auf dem Markt, in der Uni, auf dem Gehweg, in der Kneipe. Die Medien gehen dem rätselhaften Sterben auf den Grund, Forschungsstellen werden eingerichtet, Verschwörungstheoretiker haben ihre eigene Erklärung, doch nur ich weiß, warum sie sterben mussten: Der Typ mit dem Kampfhund, der vergessen hat, dem Köter einen Maulkorb anzulegen; die Mutter, die ihrem Kind eine Ohrfeige auf der Straße verpasst; der Glatzkopf im Red Bull-Fanshirt; der Junge, der meint, alle möchten unbedingt seine Musik (The Smiths, There is a light that never goes out) im Park hören. Es wird leerer im Kino und im Theater, es wird leerer auf der Welt. Warum musste der Alte sterben, der sich unentwegt über den Drecksjuden aufregt? Warum der Banker, der zum wiederholten Male meinen Parkplatz blockiert? Warum auch der dickbäuchige Tourist, der jeden Morgen die Liege mit seinem Handtuch blockiert? Warum ist es auch überall so voll, so voller Menschen, die so schwer zu ertragen sind? Ich führe einen Blitzkrieg im Stillen meiner Gedanken. Ganz ohne Revolution und soziale Konflikte.«

»Immerhin das«, sagte ich zustimmend.

»Okay, Platz 7«, entgegnete er, und ich war schon ganz gespannt.

»Insekten verbreiten sich unaufhörlich: Ameisen, Wespen, Heuschrecken, Libellen, Hummeln, Käfer, Spinnen. Alles kreucht und fleucht und sticht und surrt um mich herum. So chaotisch, so unvorhersehbar. Dazu dröhnt die ganze Zeit dieser unvorstellbar gruselige Song der Bee Gees in meinen Ohren: Stayin´ alive.

Naja, als Kind habe er sich die Jack-Arnold-Filme angesehen: Tarantula und Der Schrecken aus dem Amazonas, dann Robert Scheerers Die Rache der Schwarzen Königin, in dem es um chemisch verseuchte Killerameisen geht, die ein Hotel befallen, und natürlich Alfredo Zacarías´ The Bees mit den aggressiven afrikanischen Killerbienen, die alles vernichten. Gut möglich, dass er noch etwas zu jung für diese Filme war, sagte er.

»Wahrscheinlich«, stimmte ich ihm zu.

Wenn er nun ein Insekt, vor allem eine Biene sehe, denke er immer daran, dass sie mutiert sein könnte. Irgendwo da draußen lebten riesige Insekten, die eines Tages in seinen Garten flögen, ihn packten, verschleppten und ihn am Ende genüsslich auffräßen. Niemand wolle so sterben. Das sei schlimmer als ein Weltkrieg. »Glaub mir!«, ergänzte er.

Und ich glaubte ihm.

»Platz 8: Alles geht kaputt. Spülmaschine, Herd, Auto, Waschmaschine, Computer. Die Dinge des täglichen Bedarfs sind nicht mehr zu retten. Natürlich ist es so, dass nie nur eine Sache kaputtgeht, sondern immer gleich alle auf einmal. Da denke ich natürlich an Ton, Steine, Scherben. Nur jetzt ist es so: Die Dinge haben sich gegen mich verschworen, sie haben sich in ihrer Dingsprache heimlich abgesprochen, weil sie böswillig sind und sich an mir rächen möchten. Sie wollen mich in den Ruin treiben. Und diese bösen Menschen, die mir diese bösen Dinge erst verkauft haben: Sie wussten von Anfang an, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Diese Heimtücke, diese Gemeinheit, diese egoistische, nur auf das eigene Wohl bedachte Welt. Warum wird heute nur noch Schrott produziert? Warum nur kostet dieser Schrott jedes Mal ein Vermögen? Ich könnte wild um mich schlagen. Das ist doch alles so bodenlos unverschämt! Natürlich möchte ich nicht den Dritten Weltkrieg anzetteln, aber …«

»Verständlich«, sagte ich.

»Platz 9: Ich habe nur noch 50 Euro auf dem Konto. Denn da trudeln jeden Tag neue Rechnungen ins Haus, die ich nicht auf dem Schirm hatte: Arztrechnungen, Handwerkerrechnungen, Mitgliedschaften, die bezahlt werden wollen, Beiträge für das Wohl der Kinder, Bibliotheksrechnungen, Fördervereine, Shoppingekstasen, die nun fällig sind. Ich bin ruiniert. Alle wollen nur mein Geld. Dieser Scheiß-Kapitalismus macht uns alle kaputt. Nur noch 50 Euro? Wie soll ich jetzt die letzten drei Tage des Monats bestreiten? Ich buddele mich ein in ein Loch, das ich mir selbst in meinem Kopf grabe und stelle alles auf Durchzug. Diese Raffgier, diese Gewinnsucht! Im Geiste laufe ich bereits Amok und schmiede Koalitionen gegen das System. Und ich höre die Songs der Band Eisbrecher. Es wird auf jeden Fall blutig!«

»Auf jeden Fall«, bekräftige ich. »Kommen wir zu Platz 10?«
»Ja. Die Toiletten sind verschmutzt und von allen Seiten offen.«
»Was?«, fragte ich entgeistert.

»Ja, ekelhaft, leider. Eine Sorge, die vor allem in meinen Träumen immer wiederkehrt: Ich muss dringend mein Geschäft erledigen, irre aber durch wüste, unbekannte Gegenden. Endlich finde ich eine Toilette, doch sie ist kotverschmiert, dicke Brocken Scheiße triefen an der Brille hinunter auf den Boden. Ich gehe in die nächste Toilettenkabine, dort dasselbe Spiel. Es dauert 5 bis 6 Toiletten, bis ich eine finde, die einigermaßen benutzbar ist, doch sie ist nach allen Seiten offen. Jeder kann mir beim Kacken zugucken. Das geht also auch nicht. So geht es immer weiter, bis ich mir fast in die Hose mache und die Not mich dazu treibt, irgendwo in die Gegend zu scheißen. Im Geiste singe ich dabei einen Song der Punkband Die Kassierer. Warum, frage ich mich, sind die Menschen solche Schweine und verschmutzen alles, damit andere es nicht mehr nutzen können? Einmal mehr kommt ihre Hinterhältigkeit zum Ausdruck, die mich in den Wahnsinn treibt. Wer will es mir also noch verdenken, dass ich in Gedanken zum Terroristen mutiere und alle erledige, die ich im Geiste für schuldig erachte?«

»Niemand«, sagte ich, »absolut niemand!«

Nachdem er alle zehn Sorgen vorgetragen hatte wie ein Apokalyptiker mit humoristischer Begabung, lehnte er sich zurück und sagte, die Sorgen seien nun »raus aus dem Kopf« – ausgelagert wie unbequeme Möbel. Und dann sprach er, plötzlich sehr leise, von dem, was unter all dem lag: der Angst, die er seit seiner Kindheit kannte. Den Tagen, an denen sein Vater entschied, ob die Welt ruhig blieb oder explodierte. Der Unberechenbarkeit, die sich in seinem Inneren eingenistet hatte wie ein unsichtbarer Splitter. »Jetzt wird alles gut«, sagte M zum Schluss.

Ich wollte ihm glauben. Vielleicht musste ich. Doch als ich über die Veranda in die Ferne blickte, sah ich bereits die Armee der lebenden Toten die Straße hinunterschreiten …




Artikel online seit 27.08.26
 








 


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