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Die ambivalente Stadt

Navid Kermanis schönste Texte über Köln und die Kölner.
Eine literarische, streitbare Liebeserklärung an eine wunderliche Stadt.

Von Jürgen Nielsen-Sikora
 

Köln, 13. März 2026. Ein Abend im WDR-Funkhaus, an dem Literatur und Musik einander nicht begleiten, sondern ineinander übergehen. Navid Kermani liest Passagen aus seinen Büchern, in denen Musik Erinnerungen weckt, Sehnsüchte trägt und Worte weit über sich hinausführt. Das Orchester nimmt diese Fäden auf und spinnt sie fort, während Hasti Molavian mit ihrer Stimme Räume öffnet und die Lieder schwerelos durch den Saal gleiten. Auf Kermanis Aufforderung hin tritt Henning Krautmacher, ehemaliger Sänger der Kölner Band „Höhner“, spontan aus dem Publikum auf die Bühne und singt einen Ostermann-Song. Für einen Moment scheint sich ganz Köln in diesem Saal versammelt zu haben. Überhaupt verschwimmen an diesem Abend die Grenzen zwischen den musikalischen Welten: Schubert und Neil Young, Persische Tradition und Trio – was auf dem Papier wie ein gewagter Kontrast wirkt, fügt sich an diesem Abend zu einem überraschend stimmigen Ganzen. Die Musik kennt keine Hierarchien, nur Stimmungen und Geschichten. Als schließlich der ganze Saal bei „Da Da Da“ aufsteht, wird der lakonische Pop-Hit für wenige Minuten zu einem gemeinsamen Lächeln der Kölner.

Man verlässt das Funkhaus mit dem seltenen Gefühl, Zeuge eines Abends gewesen zu sein, an dem Kunst nicht nur aufgeführt, sondern gelebt wurde – als etwas, das Menschen verbindet. Ein leiser, berührender Abend, dessen Nachhall noch lange bleibt. Wenn Köln ein Gefühl ist, dann dieses: dass alle Unterschiede für einen Moment nur noch Variationen derselben Melodie sind.

Andererseits bleibt das hartnäckige Gefühl, dass Köln sich immer wieder selbst klein macht. Als hätte sich die Stadt mit einem Dilettantismus arrangiert, der seinesgleichen sucht: Projekte werden begonnen, aber selten konsequent zu Ende gedacht; vieles bleibt halbgar, Provisorien werden zum Dauerzustand, und Vorhaben in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen werden mit einer erstaunlichen Nonchalance angegangen. Man denke nur an das Stadtarchiv, die Rheintreppe, den Musical Dome, die Oper, den geplanten U-Bahn-Tunnel durch die Innenstadt oder die kühne Idee, sich trotz chronisch leerer Kassen um Olympische Spiele zu bewerben – ein Prestigeprojekt, das dringend benötigte Investitionen in anderen Bereichen auf Jahre hinaus zu verdrängen droht. Und dann dieser allgegenwärtige Dreck. Hundekot, Müll, Erbrochenes, Schmierereien, abgestellter Hausrat und all das andere Gerümpel, das sich in den Straßen festsetzt. An vielen Ecken wirkt die Stadt, als habe sie den Anspruch aufgegeben, für sich selbst Sorge zu tragen.

Wenn Köln also ein Gefühl ist, dann wohl doch eher dieses: eine kaum aufzulösende Ambivalenz zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Kaum eine andere Stadt versteht es, Begeisterung und Verzweiflung, Stolz und Kopfschütteln so mühelos ineinander übergehen zu lassen.

Navid Kermani nimmt diese Widersprüchlichkeit in seinen Texten auf und buchstabiert sie mit scharfem Blick und großer Zuneigung aus. Die ausgewählten Texte, entstanden über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten, zeigen ihn als ebenso genauen wie kenntnisreichen Beobachter der rheinischen Verhältnisse. Auszüge aus Romanen, Reden über Politik, Kunst und den besten Verein der Welt, über die Ehrenfelder Moschee, die Kölner Silvesternacht und einige Kölner Köpfe: Brinkmann, Liebezeit, Neudeck und andere.

Manches ließe sich heute fortschreiben oder aktualisieren. Zugleich liegt gerade darin ein besonderer Reiz: Die Texte bewahren den Blick ihrer jeweiligen Entstehungszeit und machen sichtbar, wie sich die Stadt verändert hat – und wie erstaunlich viel zugleich geblieben ist. Gerade dort, wo einzelne Beobachtungen inzwischen überholt scheinen, gewinnen sie als Zeitdokument an Tiefe und eröffnen einen zweiten Blick auf Köln und auf den stillen Wandel seines Selbstverständnisses.

Artikel online seit 19.07.26
 

Navid Kermani
Köln
E Jeföhl
C.H. Beck
175 Seiten
23,00 €
978-3-406-85095-0

Leseprobe & Infos

 


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