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Das
Bild, was es nicht gibt Von Gregor Keuschnig |
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Der Molekularbiologe und Zellforscher Paul Bálint "betrat an seinem achtzigsten Geburtstag den Frühstücksraum des Hotels Ducret." So beginnt Einfallende Dämmerung, das neueste Buch des 1943 geborenen Christian Haller. Es trägt die Gattungsbezeichnung Novelle und so ist der Leser auf eine "unerhörte Begebenheit" eingestellt. Die gibt es dann gegen Ende und sie ist überraschend, weil man sich, vermutlich verdorben durch allzu ausgiebigen Film- und Fernsehspielkonsum, auf anderes eingestellt hatte. Dabei bedient sich Haller durchaus im Filmgenre, in dem er den ohnehin schon schmalen Text in 34 chronologisch angelegten Szenen anlegt. Erzählt wird personal aus Sicht von Bálint, der nach beruflichen Aufenthalten unter anderem in Berkeley und Paris nun in Basel wohnt. Die Feier in Paris hat eine ehemalige Kollegin organisiert, der er viel verdankt und er macht sich Vorwürfe, sie als Autorin in einigen Fachaufsätzen nicht an erster Stelle genannt zu haben. Sie heißt Madeleine, was Bálint gefällt, denn der ist ein Proust-Leser, der sich in dessen "Klang der Sprache aufgehoben" fühlt. Zwanzig Gäste haben sich eingefunden aber Bálint fühlt sich ein bisschen verloren beim nach dem Essen einsetzenden Tratsch der Community, die er als "Familie" betrachtet, weil er keine "richtige" Familie hatte. Mehr als 50 Jahre war er mit der Fotografin Carla verheiratet und da beide Berufe große geografische Flexibilität verlangten, entschied man sich gegen Kinder. Kurz nach Bálints Pensionierung verließ Carla ihren Mann zu Gunsten eines anderen. Ein halbes Jahr später fiel sie in große psychische Probleme, bat ihren Ex-Mann um Hilfe, ging in Kliniken um sich dann doch in den Freitod zu stürzen. Bálint suchte Hilfe, fand in Steinberg einen Therapeuten mit einer "warmen, freundlichen und prüfenden Zugewandtheit". Steinberg, damals Ende 50, erzählte etwas von jungem Alter und alten Alter, von zwei unterschiedlichen Kammern und den Verführungen der "Vergnügungs- und Ablenkungsindustrie". Steinberg wird nach der Therapie zu einem Freund; man trifft sich zwanglos mit einer gewissen Regelmäßigkeit.
Bálint hat eine Idee: Mit den
unermesslichen, auf dem Computer gespeicherten Fotoarchiven seiner Frau und
jenen selbst gemachten, spontanen "Schnappschüssen" mit dem Smartphone (die
Marke wird aus welchen Gründen auch immer jedes Mal genannt) sucht er nach
"besonderen Erlebnissen", die er heraushebt, mit einer Legende versieht und
damit ein neues Archiv anlegt. "Er sei allein, sagte Bálint, doch nicht einsam, auch wenn er nicht allzu viele Freunde und Bekannte mehr habe." Er beginnt mit Pflanzen, Hunde oder Katzen zu reden, im vollen Bewusstsein und bemerkt, wie er das spezielle Lachen seines älteren, vor kurzer Zeit verstorbenen Bruders, nachahmt. Dann trifft er sich mit einer Studentin, die in einem Café bedient; sexuelles Interesse hat er keines.
Haller findet schöne Bilder, aber
Bálint bleibt auf eine seltsame Art unnahbar und man fragt sich, warum man
dieses oder jenes bisweilen intime Detail erfährt, obwohl es über die Figur
wenig aussagt. Das betuliche Suchen Bálints nach neuen Perspektiven spiegelt
sich in der Sprache des Erzählers. Die einzelnen Szenen ähneln bisweilen
Häppchen. Der Leser bleibt Zuschauer; Empathie stellt sich nur selten ein. Auch
Steinberg bleibt farblos. Am Ende gibt es zwischen ihm und Bálint einen Dissens,
der die unerhörte Begebenheit forciert. Man legt man das Buch beiseite, wünscht
Bálint alles Gute und hat sofort alles wieder vergessen. Außer Carla in der
Felswand. Was hätte man daraus machen können… |
Christian Haller |
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