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Machiavelli in
Russland? Von Wolfgang Bock |
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Eine bewährte Form zur Beschreibung
der neuen Macht Binnenperspektiven auf Russland Der Roman ist damit in der traditionellen Form einer Lebenserinnerung gehalten. Es handelt sich um die beichtenden Memoiren eines Mittvierzigers, der an den Hebel der Macht gewirkt hat. Mit diesem Setting gelingt es dem Autor, zeitgeschichtlich relevante Daten und intime Innenansichten aus der russischen Gesellschaft zugleich unterzubringen. Die ehemalige UdSSR bewegt sich nach dem Fall des Ostblocks und der Präsidentschaften Gorbatschows und Jelzins zunächst hin zu einem zentrifugalen und zugleich verschlingenden Kapitalismus. Dieser wirbelt die alten Machtstrukturen herum und ersetzt die vorherigen Eliten der Bürokratie durch neue des Geldes. Mit Putin tritt dann, wie in vielen anderen Ostblock-Staaten auch, ein frisch gestrichener Vertreter des alten Regimes auf den Plan, der unter den neuen Bedingungen gezielt wieder eine vertikale Anordnung der Macht einführt. Putin ist von 1999 bis 2008 russischer Präsident, anschließend Ministerpräsident und seit 2012 nach einer Verfassungsänderung erneut amtierender Präsident des Landes, anscheinend bis Ultimo. Dem durch den US-Kapitalismus geleiteten Umgang der Nationen untereinander stellt er eine vaterländisch grundierte, neuerliche Installierung Russlands als Weltmacht gegenüber. Zugleich wirkt das Regime als ein Ordnungssystem im Inneren des sich ansonsten selbst zerlegenden größten Landes der Welt. Neurussische Schickeria Indem der Romanautor diesen Prozess des Aufstiegs und des Machterhalts aus der Perspektive eines engsten Beraters schildert, ist er in der Lage, erzählerisch gleichsam hoch einzusteigen und direkt auf die Machtebene zuzugreifen. Er muss sich nicht um trockene Statistiken, ökonomische Analysen und komplexe politische Zusammenhänge bekümmern. Seine Erzählung ist sofort die der politischen Macht und ihre Bedeutung für die handelnden Personen. Daher geht es die meiste Zeit um die Welt der reichen Leute, um Gucci, Dolce & Gabbana, Cocktailbars und langhaarige weibliche Schönheiten. Der Text ist aus der Ichperspektive des neureichen russischen Aufsteigers geschrieben und gibt in Form seiner Lebensbeichte eine Daseinsanalyse wider. Damit schließt da Empoli an die große europäische Tradition der politischen Memoirenschreiber an; in diesem Fall, wie gesagt, einer fiktiven Geschichte. Nähe und Distanz werden auf diese Weise eins. Durch diese Verfremdung gelingt es dem Autor, seine Darstellung in einem aktuellen politischen Kontext zu verorten. Das Buch versteht sich als ein Schlüsselroman, als ein gefühlvoller und zugleich schonungsloser Bericht aus dem Innern der Macht. Es ist lebendig geschrieben, bedient aber auch alle gängigen Klischees über Brutalität und Sensibilität der Mächtigen in Russland. Neue alte Macht Der Berater wird zunächst als harmloser junger Mann aus gutem russischem Hause geschildert, der im Moskau der Neunzigerjahre seine Karriere als Intellektueller beginnt. Durch Zufall arbeitet der Dramatiker als Medienunternehmer beim Fernsehen. Er kommt mit einem Oligarchen in Kontakt, der sich ausgedacht hatte, den alternden Boris Jelzin als Staatspräsidenten durch eine eigene Marionette abzulösen. Als eine solche Figur hatte er sich den vermeintlich blassen Putin auserkoren. Er macht ihn mit der Hilfe von Baranow zum Objekt einer erfolgreichen Medienkampagne, sodass dieser 1999 die Wahl zum Staatspräsidenten gewinnen kann. Putin, der in dem Roman durchgängig der Zar genannt wird, wird aber von allen unterschätzt. Er baut auf der Grundlage seines Machtapparates der früheren Geheimdienste, der Leningrader Mafia und der Armee seine eigenen Strukturen auf. Auf diese Weise wird man durch die Berichte des Beraters nicht nur Zeuge der Hipster-Kultur im Swinging Moscow der Neunzigerjahre, sondern auch des Durchmarsches durch die politische Entwicklung der Russischen Föderation mit den Kämpfen gegen die tschetschenischen Terroristen ebenso wie mit der Rückkehr auf das internationale Parkett von New York bis Davos. Allein die wichtige Rolle Russlands als weltweiter Öl-, Gas- und Uranlieferant bleibt etwas unterbelichtet. Spiele für Prinzen In dem Text tauchen viele allegorische Figuren auf: russische Kapitalisten, die enteignet und inhaftiert werden und im persönlichen Leben Nebenbuhler des Beraters um die Freundinnen sind; konkurrierende Sekretäre im Machtapparat oder andere russische Oligarchen, die in dem Machtpoker eine Rolle spielen. Viele können sich durchsetzen, andere werden eliminiert oder sie sterben einfach so. Das Ganze erinnert machttechnisch betrachtet an die Königsdramen aus der Zeit von William Shakespeare – König Lear, Hamlet, Macbeth oder Richard III. – oder auch an die weniger bekannten spanischen Barockstücke, die zur Fürstenerziehung an den europäischen Höfen der frühen Neuzeit aufgeführt wurden. Pedro Calderón del la Barcas Spiel Das Leben ein Traum von 1635 handelt von dem Prinzen Sigismund, dem ein Astrologe als Regenten ein fürchterliches Schicksal vorhersagt. Aus dem Grunde wird der Prinz isoliert in der Wildnis gehalten. Als er volljährig wird, betäubt man ihn und bringt ihn probeweise in die Hauptstadt, wo man ihm die Macht anvertraut. Innerhalb eines halben Tages ermordet er seine Braut, eine Reihe von Höflingen und zettelt einen Krieg mit dem Nachbarland an. Man betäubt ihn wieder und bringt ihn zurück, um ihm zu erklären, die kurze Episode als Herrscher sei nur ein Traum gewesen. Wenig später wird sein Vater Basileus vom Volk bei einem Aufstand gestürzt und Sigismund wird tatsächlich neuer König. Nun aber zeigt er, dass er aus seiner vorherigen Traumerfahrung etwas gelernt hat: Egal, ob im Traum oder im richtigen Leben, man muss sich ethisch verhalten. So besiegt der Prinz das Fatum der Sterne und endet als ein guter König. Ratschläge aus dem Exil Warum wird die Fabel dieses Dramas hier so ausführlich geschildert? Weil der katholische spanische Hofdichter sein Stück in Polen spielen lässt und der Krieg, der dort begonnen wird, ist einer mit Russland. Wir befinden uns also durchaus in der Region, in dem auch der Roman von da Empoli spielt. Zum zweiten markiert der Unterschied zwischen einem der Prinzenerziehung gewidmeten politischen Ratgeber und einer Schilderung eines kalten Machtpolitikers genau die Zäsur, die diese Fürstenerziehung im 16. Jahrhundert mit Niccolò Machiavelli genommen hat. Dessen Schriften zur Kriegsführung und zur Geschichte der Republik Florenz, vor allem aber seine politischen Discorsi sollen die Politik unabhängig von der Moral primär zu einer Frage der Macht machen. Insbesondere sein bekannter Ratgeber Der Fürst, den er mit seiner zuvor von der Folter verkrüppelten Hand für die von ihm verhassten Medicis schreibt, machen den Rahmen seines politischen Denkens deutlich.1 Machiavelli war ein Schreiber, zeitweilig Zweiter Kanzler der Republik Florenz, dann abgesetzt von den erneut zu Macht gekommenen Adeligen. Diesen möchte er sich mit seinen brutalen Ratschlägen, die sich um die Ausrottung der Gegner drehen, erneut anempfehlen. 1513, das Jahr in dem er seinen Traktat verfasst, lebt er im Exil in San Casciano, einem kleinen Ort im Süden von Florenz und langweilt sich. Der Platz, an dem Putins fiktiver Berater Wadim Baranow dem ausländischen Journalisten seine Lebensgeschichte erzählt, ist diesem toskanischen Dorf nachempfunden. Aber man weiß nicht, ob sich der ehemalige Berater heute so langweilt wie sein ihm im Roman zugedachtes Vorbild. Vermutlich ist er froh, einigermaßen unbeschadet aus der Sache herausgekommen zu sein. Da er laut der Handlung des Romans auf der Liste der unerwünschten russischen Politiker sowohl in den USA als auch in Europa steht, bleibt ihm ohnehin nichts anderes übrig als dieses luxuriöse Exil im eigenen Land. Warnung vor der neuen internationalen Technokratie Es ist also ein machiavellianisches Dispositiv, das da Empoli hier für Russland aus seiner Inneneinsicht entfaltet. Die Kampagnen des fiktiven spin-doctors, der für Putin unter anderem die Eröffnungsshow der Olympischen Winterspiele 2014 im subtropischen Sotschi inszeniert, werden allerdings übertroffen durch die Handlungen des „Zaren“ selbst. Der lässt unliebsame Gegner ausschalten oder tut, wenn sie sich selbst das Leben nehmen, so, als habe die Macht auch das arrangiert. Mit der Figur des Beraters wird in dem Text eine moralische Reflexionsebene eingezogen. Bereits Platon legte seine eigenen Erkenntnisse anderen GesprächsteilnehmerInnen wie Diotima in den Mund. Neben Machiavellis Schriften spielt in dem Buch auch der russische dystopische Roman Wir von Jewgenij Samjatin aus dem Jahr 1920 eine wichtige Rolle. Darin wird vor George Orwell und Aldous Huxley die albtraumhafte Welt eines totalitären technokratischen Staates nach der Revolution skizziert.2 Über Stalins Reich hinaus wird damit der traditionsreichen russischen Zukunftsliteratur ein weiterer Meilenstein hinzugefügt. In diesen Umkreisen der reinen Macht, die in Russland eine andere ist als in der westlichen Welt, die aber mit dieser korrespondiert, werden Figuren wie Chruschtschow und Breschnew, aber auch Bodin, Montesquieu, Richelieu, Churchill, Trump und Stalin zum Vergleich aufgerufen. Donald Trump wird hier nicht genannt. Aber im vorletzten Kapitel skizziert da Empoli eine technologische Macht auf der Basis der Kontrolle der Tech-Barone und ihrer KI.3 Damit nimmt er sein nächstes Buch über die Raubtiere des neuen Kapitalismus vorweg.4 Ein dialektisches Psychogramm der russischen Macht
In dem Buch über Russland geht es also
um ein Psychogramm der Macht Putins. Und entsprechend ist auch die aktuelle
Verfilmung mit Jude Law als dünnhaariger russischer Präsident gehalten. Man
könnte das Buch ohne Probleme für eine der vielen aktuellen Propagandaschriften
zu einer Verteufelung Russlands halten, mit dem der gute Westen angeblich nichts
zu tun hat. Aber bereits der vorausgehende Versuch, nämlich Machiavelli in eine
nur brutale Ecke zu stellen, funktioniert nicht. Der Florentiner agiert zugleich
in einer Welt des Humanismus. Das Land ist um 1500 durch die sogenannten
Italienischen Kriege gespalten und wird dominiert von den fremden Mächten
Frankreich, Spanien, Deutschland und der Schweiz. Bereits Machiavelli ist als
Nationalist ein Denker der Republik und kein reiner Machtpolitiker. Wenn er
Gewalt empfiehlt – und er empfiehlt in seinem Buch viel Gewalt –, dann nur, um
diese möglichst effektiv und kurz einzusetzen. Langfristig rät auch er dem
Herrscher zu einem verlässlichen und gemäßigten Verhalten. Damit ist er bei
aller Gewalt ebenfalls zumindest mittelbar einem ethischen Menschenbild
verpflichtet. Das ist allerdings unter seinen realpolitischen Maßnahmen zuweilen
kaum noch zu erkennen. Immanuel Kant stellt sich in seinem Text Zum ewigen
Frieden mit Friedrich II. und Voltaire gegen Machiavelli, obwohl Friedrich
sein Urteil später zurücknimmt. Die biografische Mode oder: Eine Welt ohne Außen Ein solches Verständnis für die Position Russlands zu entwickeln, hat auch mit einem weiteren stilistischen Moment bei da Empoli zu tun. Der hält sich nämlich nicht mit komplexen Schilderungen der einzelnen strukturellen Machtelemente im Staate auf, sondern er bevorzugt eine sich in die Personen einfühlende Perspektive. Die geschilderte Gesellschaft und der darin skizzierte militärisch-technologische Komplex werden in seinem Roman nur auf der persönlichen Ebene geschildert. Diese ist für eine ökonomisch grundierte politische Analyse allerdings eher durch Charaktermasken bestimmt. Die getriebene und zugleich selbst treibende Psychologie der Herrschenden wird bei da Empoli gleichsam absolut gesetzt. Kurz, es entsteht in solcher Schilderung eine Welt ohne Volk, speziell ohne Arbeitende. Darin gleicht diese Beschreibung Russlands der ähnlichen impliziten Ausschaltung der Sphäre der Arbeit in der populären Darstellung der amerikanischen Gesellschaft, wie wir sie in den Marvel-Filmen finden. Auch dort wird die Leistung der Menschen durch magische Superkräfte und dubiose phantasmagorische Fähigkeiten verschleiert. Tony Stark etwa ist dort ein Iron Man, der in dieser fiktiven Welt auch als ein Industrieller in der dortigen Kriegsrüstung tätig ist. In seinen Fabriken gibt es keine Monteure, nur noch ein Konstruktionsroboter hilft ihm so, wie bereits in den Mickymaus-Comics der Ingenieur Daniel Düsentrieb nur von seinem Helferlein unterstützt wird. Hier erkennt man die Nähe des italienischen Autors zur Kulturindustrie. Machiavelli und kein Ende? Die Faszination von da Empolis Stil – die Kritik spricht von einem sogenannten page-turner – wird durch eine entsprechende Nähe und royalen Bettkantenperspektive erkauft, die auf Kosten einer genaueren gesellschaftlichen Analyse jenseits der Effekte der Oberfläche geht. Das Buch ist brillant geschrieben, das Resultat bleibt aber dennoch zweischneidig. Das letzte Kapitel führt den Autor dann zu einer im Ergebnis durchaus richtigen Analyse, die er ähnlichen Stilmerkmalen der technologischen Macht auch um Trump widmet. Es sollte allerdings klar geworden sein, dass man mit einer einfachen Identifikation von Putin und Machiavelli ebenso die komplexe Lage verfehlt wie mit derselben simplen Gleichstellung von Trump und dem italienischen Schreiber jeweils als ultimativem Bösewicht.7 Machiavelli ist als Politikberater schließlich auch eine tragische Figur, die für das Scheitern seiner politischen Ambitionen steht. Nicht umsonst benannte der deutsche NS-Kronjurist Carl Schmitt, nachdem er mit Mühe und Glück dem Gefängnis und der weiteren Entnazifizierung entgangen, aber mit Vorlesungsverbot belegt worden war, sein Wohnhaus in Plattenberg im Sauerland „San Cascino“. Namensgeber war das Dorf, in dem Machiavelli sein Lebensende nach seiner Abdankung verbrachte. Machiavelli war jedoch in der Sache ein militanter Vertreter der Republik. Das kann man von Schmitt, Putin und Trump beim besten Willen nicht behaupten. Die beiden Letzteren wirtschaften sich unter vaterländischen Parolen hauptsächlich in die eigene Tasche. Das heißt Machiavelli bereits zu seiner Zeit nicht gut. Schmitt hatte angeblich Höheres im Sinn als eine persönliche Bereicherung. Um in die Nähe der Macht zu gelangen, rechtfertigte er Hitlers Morde im sogenannten „Röhm-Putsch“ 1934. So klug wie Schmitt zuweilen im Detail war, so war er doch insgesamt nicht belehrbar. Er setzte sich auch nach seiner Degradierung 1936 und auch noch nach 1945 weiterhin für eine faschistische Politik ein und gilt der AfD und den anderen Neonazis als der kommende Autor. Aber weder seine Ziele noch seine Mittel waren besser als die der genannten Liberalen, die er hasste. Auch sein Kollege, der NS-Soziologe Hans Freyer, beruft sich 1938 auf dem Höhepunkt des Regimes enthusiastisch auf den italienischen Politiker und seine Methoden.8 Wenn man allerdings darauf aus ist, jemanden gründlich für seine begangenen Gräueltaten und Verbrechen zu kritisieren, so ist ein Aufzeigen von dessen Nähe zu Machiavelli weder im Guten noch im Schlechten eine hinreichend gute Adresse dafür. Da Empolis Roman ist glänzend geschrieben, er wirft in einer machtkritischen Perspektive aber zugleich neue Fragen auf.
1
Niccolò Machiavelli: Il Principe / Der Fürst.
Italienisch/Deutsch, Stuttgart: Reclam 1995.
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Giuliano da Empoli
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