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Eadem sed aliter* |
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Es gibt Bücher, die einem das Herz aufgehen lassen. Man schlägt sie nicht auf, man streichelt ihre Seiten. Man liest sie weniger, als dass man sie mit Blicken liebkost. Walter Benjamins »Einbahnstraße« ist so ein Buch. Im Januar 1928 bei Ernst Rowohlt in Berlin erschienen, versammelt der Asja Lacis gewidmete und als »Plaquette« für Freunde gedachte Text Aphorismen, Aperçus, Beobachtungen des Alltags, Traumreflexionen – und entzieht sich durch seinen pointierten Stil und seine teils paradoxen Fragmente gängigen literarischen und philosophischen Formen. Inhaltlich ist der Bogen in der »Einbahnstraße« weit gespannt. Es finden sich auf den rund 80 Druckseiten leichte, spielerische Reflexionen zu Themen wie Liebe und Sprache, Kultur und Gedächtnis, Literatur und Philosophie, Architektur und Technik, Surrealismus und Psychoanalyse, Kapitalismus und Kindheit, die an der Grenze von Privatem und Öffentlichem sich bewegen. In einer zunehmend zersplitterten Welt hat Benjamin versucht, neue Denkformen zu finden, die der Komplexität der Moderne gerecht werden. Ein kurzer, »Achtung Stufen!« betitelter Text bemerkt hierzu: »Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen: eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endlich eine textile, auf der sie gewoben wird.« Die »Einbahnstraße« war ein literarisches Experiment, eine Text-Collage, die in einer Zeit entstand, in der die Metropolen pulsierten, die politischen Verhältnisse chaotisch waren und die Kunst so schöpferisch und kreativ war wie zu kaum einer anderen Zeit. Das Buch hält dieser dissoziativen Zeit nicht zuletzt einen Spiegel vor. Auch das Umschlagbild des russischen Fotografen Sasha Stone, einem Freund Benjamins, spielt - eadem sed aliter - mit den Sujets der Großstadt und der Faszination des Augenblicks: Ladenschilder, Schaufenster, umherirrende Menschen, ein Autobus, und in mehrfacher Wiederholung das rot eingefärbte Einbahnstraßenschild. Die Zitation ohne Anführungszeichen, die Benjamin später im Passagenwerk anwendet, hat in der »Einbahnstraße« wohl ihren Ursprung. »Zitate«, schreibt Benjamin unter dem Stichwort »Kurzwaren«, seien in seiner Arbeit »wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen.« Collage und Zitation nutzt auch Stone zur Illustration von Zerrissenheit und Unruhe.
Eines aber ist gewiss: Der Umschlag gehört untrennbar zum Text. Die nun im
Wallstein-Verlag erschienene Neuauflage der »Einbahnstraße« als
Faksimile-Ausgabe wird diesem Tatbestand gerecht und orientiert sich nicht nur
typografisch am Original, sondern versucht ebenfalls, dem damals verwendeten
Papier und Unterkarton möglichst nahezukommen, so dass der Eindruck entsteht,
man halte tatsächlich ein Exemplar von 1928 in der Hand. Der Verleger Thedel von
Wallmoden betont in einem Beiblatt, dass der Text so »in seiner
rezeptionsleitenden künstlerischen und technischen Erscheinung wahrgenommen
werden kann.« Es ist ein unbeschreibliches Glück, dieses zweifache Experiment in
der Hand zu halten. |
Walter Benjamin |
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