Verflüchtigung ist das Schicksal unseres Selbst in der Gegenwart. „Heute“, kommentiert Jean Baudrillard diesen Zustand, „geht es darum, lediglich sich selbst zu gleichen. Sich überall wieder finden, vervielfältigt, aber unserer eigenen Formel treu – überall der gleiche Schlag.“ Keine Differenz mehr, keine Differenzierung. Dort, wo sich alles ähnlich ist, ist nichts mehr. Also nicht Entfremdung, wie bei Scholl und Cervantes, sondern Verflüchtigung ist das Schicksal unseres Selbst in der Gegenwart. Denn alles folgt viel zu schnell aufeinander. Die Dinge werden bloß noch zusammenhanglos dargeboten. Douglas Coupland sprach einst vom Historical underdosing: Wir leben in einer Zeit, in der nichts mehr passiert und sind allenthalben süchtig nach Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichten, egal welche. Der 1929 geborene Baudrillard, ehemals Assistent des marxistischen Soziologen Henri Lefebvre, fragte sich bereits Mitte der 1970er Jahre, was man gegen ein solches System überhaupt noch tun könne und gab die hoffnungsfrohe Antwort: nichts. Vielleicht, so glaubte er jedoch, ließe sich dieses System überlisten, indem man das Spiel einfach mitspielt, also doch mit den Schwärmen schwimmt und alles begierig und wie ein Schwamm aufsaugt, was angeboten wird. Die Eigenlogiken des Systems so ad absurdum führen, ihren Untergang zelebrieren. Das Spiel der Katastrophe pushen, um es schneller zu beenden. Bedingungslose Auslieferung an ein willkürliches, sinnentleertes Zeichensystem. Wahrscheinlich ist der Begriff System für eine solch sinnentleerte Welt, eine Welt, die nur noch unfassbarer Schwarm ist, nicht zutreffend. Denn es gibt überhaupt kein System mehr. Wir haben, so Baudrillard bereits in seiner Dissertation aus den 1960er Jahren, ein referenzloses Zeichensystem erzeugt, in dem der Konsum lediglich noch idealistische Praxis und unbegrenzt wiederholbar ist. Deshalb triumphierten auch die Dinge über uns und wucherten unaufhörlich fort. Jeder Versuch der Kontrolle sei zwecklos, da wir uns von den Objekten verführen ließen. Die Sinnlosigkeit unseres Lebens, die Folge des Triumphes der Dinge über uns ist, stellt Baudrillard in der „Transparenz des Bösen“ von 1990 so dar: Verfolgen Sie einen Passanten in der Fußgängerzone, verdoppeln Sie den Un-Sinn durch diese Verfolgung, nehmen Sie ihm das Ziel durch diese Verdopplung. Endet das Spiel mit der Kehrtwende des Verfolgten und der Frage, was Sie eigentlich wollen, so antworten Sie: Nichts. Das Spiel ist aus, die Welt ist, wie sie ist. Genau diese Sinnlosigkeit drückt sich auch in den von Christakis und Fowler analysierten Schwärmen aus. Das soziale Gehirn ist im Grunde genommen asozial. Denn wir vernetzen die Dinge als ob sie noch Sinn hätten. Dabei ist alles nur noch künstliche Montage und durch puren Unsinn organisiert. Das Wesen der Welt, so Baudrillard, ist Simulation. Wir sind keine Originale mehr, sondern der Sonderfall einer absoluten Synchronisation: „Unsere Gesellschaft hat den Grenzpunkt der Information und der Transparenz überschritten: Ekstase des Sozialen (die Masse), des Körpers (die Fettleibigkeit), des Geschlechts (die Obszönität), der Gewalt (der Terror), der Information (die Simulation), des Schönen (die Mode), des Sexuellen (der Porno). Das ist die Ära der Anomalie. Die Anomalie hat keine Folgen für das System.“ Die Ekstase des Sozialen ist zugleich Baudrillards Thema des bei Matthes und Seitz in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ erschienenen Bandes mit dem Titel „Im Schatten der schweigenden Mehrheiten“ (1978), in dem er gleich zu Beginn ein schwarzes, alles Soziale verschluckendes Loch entdeckt, das eine Ansammlung von Abfällen des Sozialen in sich aufsaugt. Er nennt dieses Loch „Masse“. Die Masse sei allerdings nur noch eine „schwammige, eine klebrige … Vorstellung“, das, was bleibt, wenn das Soziale verschwunden ist. Sie ist sinnentleert und bedarf nicht der Teilhabe an Idealen, deren blinden Bodensatz sie darstellt. Der einzige noch funktionierende Referent dort sei die schweigende Mehrheit. Deren Existenz aber ist nicht länger als sozial, sondern als statisch/statistisch zu charakterisieren. Es ist die Simulation am Horizont des Sozialen, der sich vollends verflüchtigende Schwarm. Die Massen „drücken sich nicht aus, sie werden befragt, sie werden getestet“ in einem totalen, ja totalitären „Kreislauf ohne Kennzeichen“ und „bombardiert mit Stimuli und Botschaften.“ Auch der Wunsch, all dem noch einen Sinn zu verleihen, ist verloren gegangen. Wir brauchen keine Sinnsucher mehr. Wir benötigen auch keine Manipulationen mehr. Denn auch diese werden von der Masse bloß absorbiert oder herumgewirbelt. Die Masse akzeptiert einfach alles und kehrt es sogleich ins Spektakuläre; sie selbst manipuliert in alle erdenklichen Richtungen. Für die Masse ist das Soziale längst eine Ware, mit der nicht gehandelt wird. Die Masse ist das Negativ des Sozialen, das bloß noch als Simulation aus dem Meer sozialer Netzwerke auftaucht, das, wie ein Schwamm, alles aufsaugt und auf den blinden Bodensatz der Beziehungen drückt. Ebendort beginnen all unsere „sozialen“ Beziehungen zu wuchern. Baudrillard schreibt: „Wie naiv sind doch die Sozialisten und Humanisten aller Schattierungen, wenn sie fordern, der ganze Reichtum müsse wieder verteilt werden, es dürfe keine unnützen Ausgaben geben. Der Sozialismus, der sich den Gebrauchswert, namentlich den des Sozialen, auf die Fahnen geschrieben hat, offenbart hinsichtlich des Sozialen ein absolutes Missverständnis. Er glaubt, das Soziale könne eines Tages die optimale Kollektivverwaltung des Gebrauchswerts der Menschen und der Dinge sein.“ Doch das Soziale ist bestenfalls noch Lockmittel, Hypothese und zu verwaltender Rest; der Mensch dessen Abfallprodukt, gehalten in einem „zufälligen Gravitationsfeld“ – seinem „sozialen“ Netzwerk, nicht gewillt, anzuerkennen, dass eben das Soziale dieses Netzwerks im Raum der totalen Simulation wegstirbt. Baudrillards Analyse ist nicht nur ungleich radikaler als die von Christakis und Fowler; sie ist auch so wundervoll desillusionistisch und nimmt das Ende unserer sozialen Netzwerke vorweg. Die Selbstwidersprüchlichkeit Baudrillards, der über Dinge spricht, die er selbst der Vernichtung preisgegeben hat, macht die Lektüre nur noch reizvoller. Es verdient Lob und Anerkennung, dass Matthes und Seitz Baudrillards nahezu unbekannt gebliebenen Text wiederentdeckt hat. „Fröhliche Wissenschaft“ – Nietzsches Wort als Namensgeber einer wahrlich herausragenden Reihe, die zwar nicht immer so fröhlich klingt, aber unglaublichen Spaß beim Lesen verspricht. So sorgen auch Henker, Opfer, Tränen, das Absurde oder das Jüngste Gericht für allerbeste Unterhaltung auf höchstem Niveau.